DIE FOLGENDE GESCHICHTE IST EINE UEBERSPITZTE DARSTELLUNG MEINER VORSTELLUNGSKRAFT. KEINE DER GENANNTEN PERSONEN IST REAL, KEINE DER GEZEIGTEN SZENEN IST REAL. AEHNLICHKEITEN MIT REAL EXISTIERENDEN PERSONEN, SITUATIONEN UND ALLTAGSPLAGEN SIND ZUFAELLIG UND KEINE BOESE ABSICHT!
Am Anfang eines jeden Tages erstrahlt dieser in jungfraeulicher bunter und ungetruebter Stimmung. Man freut sich unter Umstaenden sogar auf die Arbeit… und mit ein bisschen Arbeitserfahrung ist es dem Tag fast unmoeglich, einem diese Stimmung zu zerstoeren. (Na? wer hat aufgepasst? Richtig! Ich sagte “fast”). Manchmal hat der Tag Helfer – kleine fiese Helferlein, die einen in den Wahnsinn treiben, einfach dadurch, dass sie da sind. “Der Profi”, wie Mike und ich einen dieser Helfer getauft haben ist der Chef-Helfer, weshalb er versucht sich gut zu tarnen. In unserem heutigen Fall tarnt er sich als das wohl am haeufigsten unterschaetzte Wesen in der freien Wildbahn… als Kunde.
Mike und ich sprachen gerade die letzten Details des neuen “CU P0w3r4tør” durch. Ein Spiele(r)-Rechner, der zweitens durch Leistung und erstens durch einen unglaublich bescheuerten Namen die Herzen der Spielergemeinde hoeher schlagen lassen sollte. Fuer einen Moment lang waren wir uns einig gewesen, das System “Shy Style” zu nennen. Die phonetische Verwandschaft mit weniger verkaufsfoerdernden Begriffen liess uns allerdings schnell wieder von der Idee ablassen. Alle Hardwaredetails fuer den “UC P0w3r4tør” waren soweit auch schon klar, nur suchten wir gerade nach einem moeglichst billigen Gehaeuse. Billige Gehaeuse sind erstens billig und zweitens immer potthaesslich und bunt – zwei Eigenschaften, die an keinem Gamer-PC fehlen duerfen. Waehrend wir noch zwischen einem giftgruen-orangenen Alien-Acid-Style Gehaeuse und einem violet-rot-leuchtenden Rundeck schwanken klingelt die Tuerglocke. Mike nickt mir zu und deutet mir damit, dass er selbst sich der Sache annehmen moechte. Ich setze mich also an seinen Schreibtisch, den Blick auf den Ueberwachungsmonitor geheftet und harre der Dinge, die da kommen.
Ein Paerchen hat soeben den Laden betreten, beide etwa Ende 40 und gekleidet in unauffaelligen teuren Zwirn – ueberhaupt sind sie recht unauffaellig und ich bin einen Moment lang Froh, dass wir die Tuerglocke haben. Meines Chefes “Wie kann ich ihnen helfen” beantwortet die Frau mit einem “Wir schauen uns erstmal bei Ihnen um.”. Ihr Mann hingegen wirft Mike nur einen laessigen Blick zu, der Baende spricht: “Glaub ich nicht, dass du uns helfen kannst”. Ich zucke zusammen… mir war als leuchteten seine Augen fuer einen kurzen Moment. Eine Spiegelung in der Kamera? Ich muss mich wohl getaeuscht haben. “Verkaufen Sie auch richtige Computer?”, fragt der Mann in einem 80er Jahre Cabrio-Ton. Ihm fehlt nur die Zigarette im Mundwinkel. Mike schaut unglaeubig in Richtung Komplettsysteme-Ausstellung. “Meinen Sie soetwas?”, sagt er, auf die 10 Systeme deutend, die im Schaufenster stehen als wuerden sie – nach draussen blickend – sehnsuechtig auf Kundschaft warten. Der Mann schielt aus dem Augenwinkel veraechtlich auf meine Handgebauten Meisterwerke. “Ich dachte eher an etwas professionelles”. In dem Moment ist wird es mir schlagartig klar. Ich habe mich nicht vertan. Ich habe seine augen tatsaechlich rot aufleuchten sehen! Es MUSS stimmen. Es ist “Der Profi”.
Mike ist seelenruhig, aber seine linke Schulter zuckt ein wenig – ein untruegliches Zeichen dafuer, dass auch er inzwischen Begriffen hat, was hier gespielt wird. “Na gut, dann verraten Sie mir doch mal, was Sie sich so in etwa vorgestellt haben. Sie werden sich ja auch Ihre Gedanken gemacht haben.”, faengt Mike ein herkoemmliches Verkaufsgespraech an. Die Frau bekommt einen besorgten Gesichtsausdruck, ihr Mann hingegen ist weniger besorgt als irritiert. “Nun ja… ich dachte an etwas mit Leistung, mit VIEL Leistung. Viel viel Arbeitsspeicher und auch ner grossen Festplatte.”. “Das ist ja noch kein Problem”, denke ich so bei mir. Ich sehe wie Mike dem Kassen- und Beratungssystem die noetigen Komponenten in die Rechnungssoftware klickt. “Das ist ja soweit noch kein Problem”, sagt er daraufhin. Ich oeffne derweil an seinem Notebook die Kalkulation, die er gerade bearbeitet um mir ein genaueres Bild verschaffen zu koennen und stutze kurz. Mike laesst echt keine Wuensche offen. Ein System mit top Dual Core Pentium 4, 4GB DDR2 Arbeitsspeicher und einem Raid 1 aus 2x 400GB S-ATA2 Spezialplatten. Die Kosten… sprechen wir nicht darueber, aber wer etwas professionelles moechte, muss eben auch seinen Geldbeutel ein gutes Stueck weit oeffnen. Der Profi schaut unglaeubig auf den Monitor, der fuer seinen Blickwinkel extrem unguenstig steht. Trotzdem er blinzelt scheint es ihm unmoeglich alles zu lesen, was Mike kalkuliert. Scheinbar macht ihn das unruhig.
Die Taktik des Profis ist immer die gleiche: Meckern was das Zeug haelt, wenig fundierte Fakten gegen die Kalkulation vorbringen und mehr fordern. Mike ist ein Fuchs. Wer nicht weiss was kalkuliert wird kann nicht meckern. Ich muss ein wenig grinsen. “Brauchen Sie irgendwelche Spezialhardware in Ihrem System? Zum Beispiel eine Grafikkarte zum Spielen oder…”. Kein Wunder, dass er den Satz nicht beenden kann. “Eine Soundkarte… ich brauche eine gute Soundkarte.”…
Von hier an ueberschlagen sich die Ereignisse, denn Mikes Frage was der Mann im Endeffekt mit der Soundkarte machen moechte ist vollkommer Sprengstoff. Wen wundert die folgende Reaktion des Profis? “Alles… das muessen SIE doch wissen. SIE wollen mir doch einen Computer verkaufen. Also muessen SIE auch wissen was ich fuer eine Hardware brauche!” “Nun ja… es gibt keine Karte die alles kann. Sie sollten sich schon fuer ein Spezialgebiet entscheiden.”. Der Mann rastet nun vollkommen aus. “Na hoeren Sie mal! Bauen Sie einfach das Beste ein was es gibt! Ich kann ja wohl davon ausgehen, dass Sie das dann so lange tauschen, bis ich zufrieden bin!”. “Davon sollten Sie allerdings nicht ausgehen. Schliesslich gehen Sie auch nicht zum Baecker und verlangen nach diesem Schema ein Broetchen, dass nach allem schmeckt was Sie moegen.”. Mein Grinsen wird immer breiter, dem Mann hingegen zerfliesst vor Wut das Gesicht. Das leuchten, dass ich eben nur in seinen Augen erahnen konnte, ist nun deutlich sichtbar ueber seinen gesamten Kopf erstreckt. “Sie werden noch in der Zeitung von mir lesen und dann werden Sie allle Kunden verlieren, die sie je hatten…”. “Und alle die wir nie haben wollten”, fuege ich gedanklich hinzu. Mit Vergleichen kann man jedem Kunden unverbluemt und dennoch dimplomatisch die Dummheit in seinen Worten unter die Nase reiben.
Frau Profi’s besorgtes Gesicht hat sich inzwischen zu einem peinlich beruehrten Grinsen ausgepraegt. “Lass gut sein Ernst, lass uns gehen, du regst hier noch alle auf!”. “Richtig, werden Sie mal wieder ernst, Ernst” fuegt Mike sueffisant laechelnd hinzu. Herr Profi’s Kopf schwillt zu einem blutroten Ballon an, der zu platzen droht. “Seien sie nett zu ihm, er ist leicht cholerisch.” richtet die Frau einen Rat an Mike. Sie schiebt ihren Mann Richtung Ladentuer. Dieser tobt immernoch knallrot angelaufen. “Sie werden sich noch wundern! Das wird ein Nachspiel haben!”. Mike ist amuesiert, ich ebenfalls. Vor mir auf dem Monitor schliesst sich das Fenster mit der Kalkulation. “Wollen Sie speichern?”. Die Frage beantworte ich mit “Nein”. Ein weiteres “professionelles Kapitel” schliesst sich fuer immer.
Bleibt lieb, euer Sternensucher
(korregiert wird spaeter)