Archive for October, 2006

Kundentypen erklaert: Der Technophob – oder: Der Azubi auf Reisen

Tuesday, October 10th, 2006

DIE FOLGENDE GESCHICHTE IST EINE UEBERSPITZTE DARSTELLUNG MEINER VORSTELLUNGSKRAFT. KEINE DER GENANNTEN PERSONEN IST REAL, KEINE DER GEZEIGTEN SZENEN IST REAL. AEHNLICHKEITEN MIT REAL EXISTIERENDEN PERSONEN, SITUATIONEN UND ALLTAGSPLAGEN SIND ZUFAELLIG UND KEINE BOESE ABSICHT!

Es gibt Momente im Leben eines Technikers/Verkaeufers/Managers/Arsch fuer alles, die einem zeigen, wie gross das Unverstaendnis eines Kunden – und gleichzeitig – wie klein seine Vorstellungskraft ist, wenn es im die Ausmasse des Internet geht. Einer dieser Momente ereignete sich unlaengst, als ich den grossen Fehler beging, einen Rechner zu verkaufen. Computer eignen sich im Allgemeinen hervorragend als Internet-Endgeraet, nicht jedoch im Falle dieses besagten Systemes, das gerade einen unser pingeligsten Kunden als neuen Besitzer erwischte. Es gibt eben auch Momente im Leben eines Rechners, die schreien foermlich: “Verdammt, warum bin ich nicht schon an jemand anderen verkauft worden?!”.

An jenem schoenen Tag betrat Herr Ford unseren schoenen kleinen Laden. Herr Ford ist ein Mensch, der alles ganz genau nimmt, anders als sein Namensvetter, der den Fehler beging, Autos zu bauen. Herr Ford ist Lehrer – das ist zunaechst nichts schlimmes, allerdings muss man sich in einem Verkaufsgespraech darauf einstellen. Gerade Lehrer, warum auch immer, haben eine ehrgeitzige Art, fuer moeglichst wenig Geld moeglichst viel Leistung zu bekommen. Das beschraenkt sich nicht nur auf Computer, jedoch hat es hier fatale Folgen. Zum Beispiel lassen sich in 90% der Faelle, in denen uns ein Lehrer einen Rechner bringt der Macken hat, diese auf billige Hardware einschlaegig vorbestrafter Hersteller zurueckfuehren, die hier namendlich nicht weiter aufgefuehrt werden sollen. Manchmal ist billig eben doch sehr teuer ;) . Fahren wir aber nun mit Herrn Ford fort, der uebrigens einen VW faehrt.

Als Herr Ford den Laden betritt und sich wie ueblich selbst, vollkommen in Gedanken versunken, wegen der durch sein Eintreten ausgeloesten Tuerschelle erschreckt, mache ich den folgenschweren Fehler, hinter dem Tresen zu stehen. Warum ich diesen Fehler immer wieder mache ist mir in diesem Moment nicht klar, auch wenn ich angestrengt nachdenke. Das tue ich allerdings nur um an etwas anderes zu denken als an die Frage, die Herr Ford nun gleich stellen wird: “Herr Sternensucher”, beginnt er seine schon bereitgelegte Rede, fuer die er keinen Zettel braucht, “Herr Sternensucher, ich brauche einen neuen Rechner und… bevor Sie jetzt schon wieder an ihre Spiele denken”, phantasiert er vollkommen ohne Halt und Ansatz, “denken Sie lieber daran, dass ich mit dem System wirklich etwas bewegen muss. Ich brauche ein Leistungsstakes Arbeitssystem mit viel Speicher und – vor allem – aber das wissen Sie ja mit Sicherheit inzwischen selbst – mit viel Leistung.”. Ich atme tief durch. “Des weiteren habe ich nicht viel Geld dafuer eingeplant. Unsere Tochter studiert, wissen Sie? Das frisst an meinem Gehalt.”, setzt er nach. “Aber sicher”, denke ich bei mir. Im Kopf gehe ich die 20 Fehlgeleiteten BTO-Ruecklaeufer durch, die wir noch an den Kunden bringen muessen. “Also fuer IHRE speziellen und ausgesprochen aussergewoehnlichen Anforderungen haben wir Systeme ab etwa 450 Euro auf Lager”, setze ich an, ” aber – wie Sie sich sicher denken koennen – sind nach oben wie immer keine Grenzengesetzt.”. Ich sehe bei dem Wort “oben” seine Wimpern zucken.

An dieser Stelle moechte ich den Verlauf des Verkaufsgespraeches nicht weiter ausfuehren. Es verlief wie ein typisches Lehrerverkaufsgespraech, lediglich an einer Stelle, schon nachdem unser Herr Ford sich fuer den Rechner seiner Wahl – ein ganz normales P4 Arbeitsgeraet ohne schnoerkel – entschieden hatte, wendete sich das Gespraech, quasi noch im Bezahlvorgang, in eine voellig neue Richtung:

“Ach Herr Sternensucher, was ich vollkommen vergessen habe: wird mein Internet jetzt auch endlich schneller? Das hat frueher immer so EWIG gedauert mit den ganzen Seiten!”, faellt es ihm unglaublich frueh auf. “Was haben Sie denn fuer einen Internet-Anschluss?”, hake ich nach. “Ach wissen Sie, ich habe ISDN und bin damit immer zufrieden gewesen. Allerdings merke ich inzwischen, dass mein Rechner das alles nicht mehr verpackt. Ich bin eigentlich nicht so fuer diesen ganzen neuen Krams.”. Ich denke mit nostalgischem Blick an meine Modemtage zurueck. Herr Ford ruft mich jeoch schnell aus meinen Gedanken und noetigt mich zu einem Erklaerungsversuch: “Wissen Sie Herr Ford, ISDN…”, ich mache eine Pause und seufze, als haette ich es ihm schon 1000 mal erklaert, “ISDN ist eine Technik, mit einem _normalerweise_ feststehenden Limit von 7 bis 8kb/s. Heutige Webseiten sind haeufig mit Bildern und Animationen gespickt, die leicht mal 600kb gross sind. Der geneigte Mathematiker erkennt also schnell, dass eine derartige Seite dann schnell mal eine Minute bis 90 Sekunden laed. Und dabei gehen wir schon davon aus, dass alles optimal laeuft, was – wie Sie sicher wissen – selten genug passiert.”. Ich mache wieder eine taktische Pause. Herrn Fords Kopf nimmt eine fragende leicht geneigte Stellung ein, wobei seine Brille nervoes auf seiner Nase hin und her rutscht. “Sie wollen mir also sagen, dass der Rechner das Internet gar nicht schneller macht?!”. “Ich sage nur, dass die Moeglichkeit besteht.” … Soweit so gut. Nachdem ich Herrn Ford dann noch erklaert habe, dass er – je nach installiertem Browser – in diesen 1.5 Minuten mitunter gar nichts sieht, verlaesst dieser weniger zufrieden als gehofft den Laden.

Die naechsten 2 Wochen hoeren wir nichts von Herrn Ford, seinem Rechner und seinem ISDN Anschluss. Die Ruhe truegt. Das weiss zwar noch niemand, doch wir ahnen es. Die Gewissheit kommt wie immer prompt mit dem Betreten des Ladens durch den Kunden. Sein Gesicht macht ein Gespraech eigentlich unnoetig, aber trotz allem bricht es aus ihm heraus. Die Tatsache dass noch 3 Kunden vor ihm an der Reihe sind ist ihm herzlich egal: “Scheisse! Alles scheisse! Was soll das? Mein Internet ist langsamer als vorher, die Scheisskarre stinkt nach spaetestens 2 Stunden als wuerden da drinnen saemtliche Kabel schmoren und der Drucker von euch geht auch nicht! Scheisse Scheisse Scheisse!”. Erwaehnte ich eigentlich schon, dass Herr Ford Berufs-Choleriker ist? Man sieht den Chef und einen Azubi in heller Panik. Soetwas ist der GAU… man fuehrt ein Verkaufsgespraech und ein Kunde kommt mit genau dem Geraet unter dem Arm herein, das man gerade verkaufen moechte. Wenn er das Produkt der Wahl dann noch lauthals bewirbt, ist jeder Verkaeufer der Ohnmacht nahe. Um schlimmeres abzuwenden veranlasst mein lieber Chef (notiert: ohne dass ich mich wehren kann) einen sofortigen Aussendiensttermin mit mir in der Hauptrolle. “Das ist nicht mein Ding aber es gibt Momente… ” halt! Das hatten wir schonmal.

Ich reise also mit Herrn Ford in seinem VW zu ihm nach Hause. Dieser prinzipiell einfache Sachverhalt ist weiniger normal als man vermuten koennte, denn Herr Ford wohnt keine 100m von unserem Laden, sein Rechner ist sehr leicht und so einen Diesel faehrt man ja nur sehr ungerne mal eben so nur bis zum Baecker. Als er wie der Passatwind auf seine Einfahrt fegt, kippt im Kofferraum der Rechner um… wer ihn da hineingestellt hat?! Ich war es nicht. Dennoch wirft Herr Ford beaengstigende Blicke auf meine Nase, die inzwischen den Anschein erweckt, ich hiesse Rudolf und waere ein Paarhufer. Warum muss ich die Probleme meiner Kunden immer zu meinen machen?!. Ich weiss es nicht und wahrscheinlich werde ich es nie erfahren… wobei wahrscheinlicher ist, dass es die Ursache hat, dass ich davon lebe ihre Probleme zu meinen zu machen. Dennoch bin ich sehr Ahnungslos, als ich das Auto verlasse und den Rechner aus dem Kofferraum hole, der ein beaengstigendes Scheppern von sich gibt. Zu dem Zeitpunkt hoffe ich noch, dass das die nicht fixierten Kabel sind, die gegen die Gehaeuseseiten schlagen, doch diese Hoffnung soll sich bald… SEHR bald in Luft aufloesen – aehnlich schnell wie die Bettwaesche beim ALDI an Tagen verschwindet, an denen man sie dort wieder im Sonderangebot findet.

Als ich den Rechner in Herrn Ford’s Wohnung trage merke ich schon, warum er so ein Choleriker ist. Alles ist in grellen Rot-Toenen oder in Grau gehalten. Die Lichtsituation laesst einen zu emotionalem Eis erstarren und Fenster gibt es so gut wie keine. Ich bleibe vor Schreck stehen. Herr Ford reisst mir den Rechner aus der Hand und gibt mir mit einem “Geben Sie schon her!” zu verstehen, ich haette schon genug kaputt gemacht. Ich bin ueberrascht… ich haette nicht gedacht, dass er so zurueckhaltend und nett sein kann :) . Nachdem wir sein Arbeitszimmer betreten haben, schliesst Herr Ford seinen Rechner gleich an den Strom an.. und schaltet ein. Es piept, ein Bild erscheint auf seinem Monitor und der Rechner geht aus… was dann passiert enbehrt jeglicher Logik: Herr Ford verstummt, tritt 2 Schritte zurueck und setzt sich in seinen Sessel. Er schweigt. Kein vorwurfsvoller Blick, kein Gebruell, lediglich ein zittern in seinem Mundwinkel. Es ist als haette ihn die Atmosphaere seines eigenen Heimes besaenftigt. “Sollen wir uns den Rechner mal von innen ansehen?” frage ich vorsichtig und bereit, hinter einem umherstehenden Moebel in Deckung zu gehen… noch traue ich dem Frieden nicht. Er aber nickt nur abwesend und zuckt weiter mit dem Mundwinkel. Vorsichtig ziehe ich den Schraubendreher aus meinem Werkzeug-Etui, die Bewegungen meines Gegenuebers immer im Auge behaltend. Keine Reaktion… nur weiterhin das nervoese Zucken in seinem Mundwinkel. Er hat mich ueberzeugt, keine Gefahr. Flink oeffne ich das Geraet, auf das Schlimmste vorbereitet. Die Seitenwand und der Deckel sind schnell entfernt.

Das Bild was sich mir bietet laesst mich tief durchatmen. CPU-Kuehler und Grafikkarte haben ihre angestammten Plaetze verlassen und sind innerhalb des Gehaeuses abgaengig auf Erkundungstour. Schnell untersuche ich die entsprechenden Halterungen auf Beschaedigungen… und atme auf. Keine nachhaltigen Schaeden. Ich setze die Hardware wieder ein, schliesse das Geraet erneut an und schalte ein… Das Zucken in den Mundwinkeln meines gebeutelten Kunden hoert schlagartig auf, als das Startlogo seines Betriebssystemes auf dem Monitor erscheint, ebenso verfluechtigt sich die wohlige Ruhe in seinem Verhalten. “Jetzt kann ich ihnen ja zeigen, was fuer ein Dreckshaufen dieses Geraet ist.”, faehrt er fort. Uebrigens ist das einzige was bisher verbrannt riecht der Schnurrbart des Herrn Ford, denn er spuckt wieder Feuer. Zumindest uebergeht er so spielend einfach die Tatsache, dass er um ein Haar seinen eigenen Rechner durch eine zu schnittige Kurvenlage zerlegt haette.

Nachdem der Rechner anstandslos gebootet hat und auch die Internetverbindung stabil mit 7.2kb/s eingemessen wurde erklaere ich ihm mit ruhiger gelassener Stimme, dass das bisher gezeigte Verhalten des Geraetes vollkommen normal ist und weder er, noch der Rechner etwas fuer diese Langsame Verbindung kann. Da ich meine Ruhe und Gelassenheit seinem Aufbrausen anzupassen versuche brauche ich fuer diese Erklaerungen mehr als 10 Minuten und da der Ausgang meiner Erklaerungsversuche ihn hoechst unbefriedigt laesst, erklaert er kurzerhand mich fuer schuldig: “Was fingern Sie da eigentlich die ganze Zeit an meinem Rechner herum? Meine Einstellungen waren doch alle in Ordnung?”. Naja… gut. Ich finde eine CD von Commundo im CD-Laufwerk und frage ihn ob er sie installiert haette… und er hat. Auf meie Frage, ob er darueber informiert sei, dass der Internetanbieter Commundo seit mehreren Jahren Lycos Online heisse und der beworbene Einheitenpreis von 1.8 Pfennig pro Minute auch schon seit spaetestens 2002 nicht mehr aktuell sei, reagiert er auf die gleiche Weise wie schon zuvor. erst faellt er in seinen Sitz zurueck, danach wieder ein kurzes Zucken mit dem Mundwinkel, doch er springt schnell wieder auf: “Ich weiss nicht was das damit zu tun haben soll, dass mein Rechner verbrannt riecht”. Aha. er lernt anscheinend dazu und versucht es mit der Verwirrungstaktik. Nach kurzem Schnueffeln erkenne ich jedoch keinen Brandgeruch in der Luft (von seinem lodernden Bart einmal abgesehen). Als ich ihn darauf hinweise bittet er mich, das Haus zu verlassen und mich Zwecks Besprechung der Rueckgabebedingungen fuer den Rechner zurueck in die Firma zu begeben – allerdings formuliert ER das etwas anders. Den genauen Wortlaut erspare ich euch lieber. Ich verrate euch allerdings dass die Worte “Scheissteil” “Arschloch” und “Chef” in engem Kontext zueinander stehend auftauchten, gefolgt von einem freundlichen “Raus hier!” als Verabschiedung.

Zurueck in der Firma hat Mike schon ein Auftragsformular fuer einen DSL-Anschluss in der Hand. “Er braucht nur noch zu unterschreiben”, fluestert er grinsend zu mir herueber, “Ich habe ihn schon fertig ausgefuellt”. Nie haette ich gedacht wie recht er hat.

Seid lieb zum Aussendienst, Auch zu dem der Telekom :) .

Euer Sternensucher

Guten Morgen…

Tuesday, October 10th, 2006

Hallo liebe Welt,

es ist ein echt komischer Morgen. Wie so oft bin ich 3 Minuten vor meinem Wecker aufgewacht (was mir spassigerweise NICHT passiert, wenn das Ding ne Fehlfunktion hat und nicht klingeln wird/abgeschaltet ist) und jetzt sitze ich hier auf der Arbeit. Ausser mir ist noch niemand da, aber ich denke gleich kommt auf ueberraschende Weise einer meiner Chefs hereingeschneit. Der Tag verspricht uninteressant zu werden wie Hoelle. Naja mal schauen. Unser kleines Unternehmen zieht aktuell in eine Groessere Lokalitaet um, trotzdem haben wir am alten Standort noch geoeffnet. Das bedeutet quasi, dass wir Regale und Tische raustragen, waehrend das Haeufchen Elend, was zurueckbleibt die Kunden beraet. Ich sage nur: Der Umzug war verdammt noetig. Endlich haben wir mal Platz zum Arbeiten, jeder einen eigenen Schreibtisch, unser Aussendienst (ein Selbststaendiger) sogar ein eigenes Buero. Ich sitze mit unserer 400 Euro-Kraft in einem Buero und habe das Netzwerk, die Kundenberatung sowie die Werkstatt unter meiner Fuchtel. Quasi ein Azubi unter volllast :) . Wenn ich darf, werde ich mal ein paar Fotos von meinem Arbeitsplatz posten. (Wir ziehen von einem 70qm Objekt ohne Lager in ein 420qm Objekt (280qm Lager inclusive))

Der Umzug endet hoffentlich diesen Samstag in der Eroeffnung des neuen Ladens und ich hoffe, dass ich dann auch mal wieder mehr Zeit habe hier rumzuerzaehlen… der Umzug hat mich naemlich die letzten Monate sehr vom Schreiben abgehalten.

 Machts gut, in alter “frische”, der Sternensucher

Wenn man mal rausgeht…

Monday, October 9th, 2006

DIE FOLGENDE GESCHICHTE IST EINE UEBERSPITZTE DARSTELLUNG MEINER VORSTELLUNGSKRAFT. KEINE DER GENANNTEN PERSONEN IST REAL, KEINE DER GEZEIGTEN SZENEN IST REAL. AEHNLICHKEITEN MIT REAL EXISTIERENDEN PERSONEN, SITUATIONEN UND ALLTAGSPLAGEN SIND ZUFAELLIG UND KEINE BOESE ABSICHT!

Nun… an einem beonderen Tag wie diesem steht man etwas eher auf um puenktlich bei der Firma zu sein. Der letzte Bürotag in alten Raeumen. Wie? Habe ich das vergessen? Wir ziehen um und ich habe Ausblick auf ein eigenes Büro! Aber das nur nebenbei… Ich stehe auf jeden Fall um kurz nach 9 vor der Firmentuer und wundere mich. Keiner da. Ihr muesst wissen, dass ich in dem Moment noch gar nicht weiss, dass es erst kurz nach 9 ist. Seit einiger Zeit trage ich keine Uhr. Nachdem ich im Laden über fuerchterliche Verrenkungen vor dem Fenster auf der Uhr die Zeit ablesen kann, entschliesse ich mich, doch erstmal zum Baecker zu gehen, bevor ich aufschliesse. Beim Baecker angekommen steht vor dessen Tür, ich muss dazusagen, mitten auf der Hauptstrasse neben einer sehr engen verkehrsinsel ein weisser Golf 3. Mein erster Gedanke ist, dass eine ältere Frau den Wagen beim abbiegen abgewuergt hat. Ausserdem haben aeltere Leute die Angewohnheit, wie bei diesem Fahrzeug auch, saemtliche Ecken rund zu kollidieren. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass saemliche Scheinwerfer am Fahrzeug ihr Schutzglas eingebuesst haben – oder zumidnest alle, die ich auf den ersten Blick sehen kann. Waehrend ich noch kopfschuettelnd das Auto betrachte, steigt aus der Fahrertuer eine undefiniert junge Frau aus. Ich schaetze sie eher auf 40, wahrscheinlich ist sie aber wesendlich jünger. Sie traegt ein pinkes Hemd, einen Jeans-Rock, unter dem eine schwarze hautenge Aerobic-Hose hervorlugt. Sie tippelt auf ihren Pfennigabsaetzen etwas unbeholfen richtung Baeckerei. Ich kann mein amuesiertes Grinsen nicht verstecken, als sie vor die Tuer rennt, auf der in grossen Buchstaben steht “Tür oeffnet nach aussen”. “Naja, vielleicht ist sie Farbenblind und kann die rot leuchtenden Neonfarben nicht erkennen”, denke ich bei mir. Als ich vor der Baeckerei stehe hat sie es inzwischen geschafft in die Baeckerei zu kommen. Ich werfe einen Blick in ihr Auto, aus dem mich ein kleines Baby anschaut. Die traurigen Augen sprechen deutliche Worte: “Weisst du was ich durchmachen muss?!”. Ich nicke…

Hinter dem Auto der Frau staut sich inzwischen der Verkehr. Kein Mensch in diesem Dorf wuerde um diese Uhrzeit wegen soetwas hupen… zumindest noch nicht. Die gequaelten Blicke der Autofahrer zeigen mir ein breites Spektrum an Emotionen. Von einem fluchenden Blick Richtung Sperrung bis hin zu betenden bis flehenden Blicken in den Fahrzeughimmel. Ich betrete die Baeckerei. Fuer mehr Mitleid fehlt mir so frueh am Tag der noetige Kaffee. Vor mir am Tresen stehen 2 aeltere Damen und unterhalten sich ueber den Tag. Die Bedienung hinter der Theke redet ein bisschen mit, waehrend sie ihnen das Fruehstuekc aus der Reichhaltigen Auswahl in die Tueten sortiert. Hinter den Frauen steht ein Herr im Anzug, der etwas aufgeregt von einem Bein aufs andere tippelt, dahinter eine Frau mit einem Kinderkorb in der Hand. Das Baby darin blickt mit den gleichen Augen wie das im Auto auf unsere Autofahrerin, die direkt vor mir und hinter der dem Baby steht. Die Auto-Frau, nenen wir sie Pinky, verschafft sich bei den dem Anzugtraeger und der Babytraegerin Gehoer: “Wuerden sie mich mal vorbei lassen? Sie merken doch, dass ich in Eile bin!”. Beide blicken etwas verwirrt drein. “Mein Auto steht mitten auf der Strasse”. “Ist das mein Problem?”, erwidert der Anzugtraeger und bestellt seelenruhig seine Broetchen. Die Frau mit dem baby tritt deeskalativ einen Schritt zurueck und laesst die Frau vor. Die beiden aelteren Damen mustern Pinky beim herausgehen mit einem Blick zwischen skeptisch und abfaellig.

Inzwischen hat der Herr seine Broetchen erhalten und kramt in seinem Portemonaie. “2 Cent… die habe ich doch noch irgendwo. Ich bin mir sicher.”. Man hoert deutlich den provozierenden Ton in seiner Stimme und auch die Kassiererin kann sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Pinky ist hochrot und langsam aber sicher faengt die pinke Bluse ihr zu stehen an – sie passt zu ihrem Gesicht. Was man allerdings nicht erkennt ist, ob sie vor Wut oder Scham rot anlaeuft, denn inzwischen bricht auf der Strasse doch das unvermeidliche Hupkonzert los. Der Herr im Anzug hat inzwischen 2 Cent aus seiner Hosentasche gezaubert und winkt damit der Kassiererin, die sie ihm aus der Hand nimmt und in die Kasse legt, als sei das 2-Cent-Stueck ein rohes Ei. Der Mann nimmt seine Broetchen und schlendert aus dem Laden. Er grinst dabei so breit, dass man fast denken koennte, er haette die Broetchen umsonst bekommen. Als Pinky nun endlich dran ist, bruellt sie der Kassiererin buchstaeblich die Bestellung ins Gesicht: “5 Quarkbroetchen, 3 davon in einer seperaten Tüte. 2 Müslibroetchen in die Tuete mit den 2 Quarkbroetchen und dann noch zu den 3 Quarkbroetchen 2 Schokocroissants. Natuerlich noch eine ‘Bild der Frau’. Ich zahle getrennt.”. Der Kassiererin faellt jeglicher Sinn fuer Humor aus dem Gesicht. Sie rekonstruiert gedanklich die Bestellung, packt alles in eine Tuete, einschliesslich der ‘Bild der Frau’, summiert an der Kasse auf und nennt den zu zahlenden Betrag. Pinky’s Gesicht wird noch einen Schlag roter. Sie wiederholt ihre Bestellung nochmal und betont das “in einer seperaten Tuete” lautstark. Die sonst nette Bedienung reisst eine weitere Tuete vom Haken, zerknuellt sie, stopft sie in die Tuete mit den Broetchen un der ‘Bild der Frau’. Sie nennt den Betrag +20 Cent. Pinky bezahlt mit einem mehr als unfreundlichen “Hier hast du!”-Gesicht und verlaesst unbeholfen tippelnd die Baeckerei. Nachdem die Frau mit dem Baby ihre Bestellun auch erhalten und bezahlt hat und ich mein Fruehstueck in Haenden halte verlasse ich die Baeckerei. Der Anblick der sich mir bietet ueberrascht mich kein bisschen. Pinky steht mit ihrem weissen Golf quer auf der Verkehrsinsel, Ihre Raeder haengen in der Luft und der Verkehr steht. Genuesslich beisse ich in mein Schokobroetchen und mache mich auf, die Welt zu retten… in den Laden.

Machts gut, bleibt hungig und alles Gute

euer Sternensucher