Warum ich die Stille mag, die Abgeschiedenheit und die Leere vollkommener Ruhe und wie sehr ich Einsamkeit verabscheue, wuerde ich gerne anhand des folgenden Schnipsels illustrieren:
“Du sitzt hier und starrst Loecher In die Luft”, sagte Anna zu mir. Wir sassen in einem kleinen und gut besuchten Cafe auf meiner Strasse und hatten jeder eine Tasse Kaffee vor uns stehen – ihre war deutlich leerer als meine. Sie hatte vollkommen recht. “Bitte?”, sagte ich, “Ach so, ja. Du hast vollkommen Recht, ich traeum hier so rum.”. “Das merk ich”, sagte Anna. Ich hoerte den leicht vorwurfsvollen Ton. Irgendeine Nuance in ihrer Stimme entfaltete diese 3 Worte zu einem deutlich aussagekraeftigeren “Das merk ich, was traeumst du hier rum wenn ich direkt vor dir sitze?!”. “Sorry”, sagte ich, wie so oft, “Ich bin nicht ganz da im Moment.”. “Auch das merk ich”, sagte Anna ebenso vielsagend. Nur das wissende Schmunzeln auf ihren Lippen hielt mich davon ab zu glauben sie sei stocksauer. “Trink wenigstens deinen Kaffee bevor er kalt wird…”, schob sie nach. “Was ist denn los bei dir? Wir sitzen hier jetzt nicht zum ersten Mal und du guckst Loecher in die Luft… jedes mal, die ganze Zeit”. Anna lachte ein bisschen waehrend sie sprach, vermutlich um den vorwurfsvollen Ton zu relativieren. “Ich bin halt so… ich fliehe gerne von Orten, wo viele Menschen sind… wenn nicht zu Fuss, dann wenigstens im Kopf.”, sagte ich. “Du bist komisch.”, sagte Anna nach einer kurzen Pause und lachte wieder, “Du geht mit mir nen Kaffee trinken, trinkst deinen Kaffee nichtmal und fliehst in Gedanken vor mir?”. “Neineinein!… nicht vor dir. Du fliehst quasi mit.”, versuchte ich zu erklaeren. “Du bist ja nicht der Grund, warum ich fliehe, sonst haett ich dich kaum eingeladen nen Kaffee zu trinken. Ich bin eigentlich nicht der Typ fuer volle Plaetze, das weisst du doch.”. “Warum gehst du dann mit mir hier hin?”, sagte Anna. Das Gespraech wanderte eindruckvoll schnell von einem Zusammensitzen von zwei Freunden zu einer Grundsatzdiskussion. Zum Glueck laechelte sie noch und es klang eher nach einem neugierigen Fragen als nach einem Haufen Vorwuerfe. “Ich kann keinen Kaffee kochen, sonst saessen wir bei mir Zuhause. Ich will dich ja nicht umbringen.”, wir lachten beide – leise – und schwiegen einige Momente, bis Anna die Stille brach: “Sag mal, wenn du jetzt Geburtstag hast naechsten Monat…”, ich blickte auf, “.. und wir wuerden eine Party fuer dich machen, so richtig mit allem drum und dran, ein paar Leute einladen und uns den ganzen Abend totfreuen…”. Sie sprach den Satz gar nicht erst zuende, als sie merkte, wie sich mein Mund in eine etwas unzufriedene Form zog, der zum Ausdruck kompletter Verzweiflung nur noch ein “Hach ja” gefehlt haette.
Anna sah gar nicht mehr gluecklich aus: “Musst du immer alles kaputt machen?”, sagte sie. “Mensch, jetzt versteh mich doch nicht schon wieder so falsch..”, sagte ich. “Ich kann nicht so gut mit vielen Menschen, ich bin nicht der Typ dafuer.”. Anna machte ein vollkommen eindeutiges Gesicht. Es war klar dass es ihre Idee gewesen war, eine Überraschungsparty zu veranstalten und dass sie schon deutlich mehr als die Idee im Kopf hatte. “Was bist du denn fuer ein Typ? Ich versuch dir ne Freude zu machen – seit Jahren – und schaff es nicht. Du bist so verdammt verschlossen ueber dich!”. Anna war laut geworden und ein Mann am Nebentisch schaute vorwurfsvoll. Ich versteckte mein Gesicht hinter der Kaffeetasse, die Ellebogen auf den Tisch gestemmt und schaute verlegen in die Ecke des Raumes. “Ich weiss es nicht, nicht der Typ fuer Parties eben. Ich bin eher so der Typ fuer nen ruhigen Abend am See mit ein paar Freunden und einer Kanne Tee”. waehrend ich den Satz aussprach nahm Annas Gesicht neben dem vorwurfsvollem Blick auch Zuege eines Schmunzelns an. “An deinem Geburtstag im WINTER?”, fragte sie etwas unglaeubig. “Ja.”, sagte ich, etwas ueberrascht, “In Ruhe eben. Es ist schliesslich mein Geburtsag und den moechte ich so feiern.”. “Das nennst du feiern?”, fragte Anna, “Ich meine, anstatt mit den Leuten Spass zu haben verbringst du nen Abend an nem eiskalten See?”. “Ja, das nenne ich feiern. Ich freu mich halt drueber dass alle da sind.”. “Du bist komisch.”, sagte Anna mit dieser Stimme, als kaeme ich aus einer anderen Dimension. “Und was machst du dann an dem See mit uns?”, bohrte sie nach. Jegliche Zeichen von Vorwurf waren aus ihrem Gesicht versschwunden und sie sah jetzt eher neugierig aus, “Ich meine, was kann man an einem See im Winter gross machen?”. “Man kann da liegen und traeumen bei Tee… zusammen mit den Leuten die man gern hat. Weiss nicht.. in den Himmel starren und ueber Dinge reden ueber die man sonst nicht redet, sich verstehen und das bisschen Waerme geniessen was man geegenseitig noch fuereinander ueber hat – und den Tee.” Ich driftete in Gedanken an den See ab und muss undglaublich bescheuert geklungen haben. “Das ist nicht dein Ernst.”, sagte Anna, “Das ist einfach nicht dein Ernst. Alles was du brauchst um dich SO klingen zu lassen ist eine Kanne Tee?” . “Ja, und wenn du auch mitkommst vielleicht ein Haufen Decken.” schob ich nach. Anna lachte wieder. Ich trank noch einen grossen Schluck Kaffee aus der Tasse. Der Kaffee war kalt und bitter und ich verzog das Gesicht. Anna lachte nochmal und laechelte. “Du bist schon ein sonderbarer Mensch, da an deinem See…”, und ich war tatsaechlich in Gedanken schon da und erzaehlte mit meinen Freunden ueber das vergangene Jahr. “… und ein ganz schoener Traeumer.”.
Ich hoerte sie schon fast nicht mehr, waehrend sie die Kellnerin heranwinkte. “Zwei zwanzig für jeden”, sagte sie als sie an den Tisch trat. “Also dann keine Party…”, sagte Anna noch waehrend ich bezahlte… und sie war nicht mehr sauer. “Nein, keine Party, aber … es waere nett wenn du den Tee kochst… du weisst schon. Das ist aehnlich wie mit dem Kaffee.”.
P.S.: Danke dir….
Tags: Anna, Kanne Tee am See, Kurzgeschichte, Snippet, Traeumer