Hallo.
Ich moechte eigentlich gar nicht lange um den heissen Brei herumreden und mich rechtfertigen. Die Gruende, warum ich noch immer eine Monatskarte erster Klasse fuer das Ruhegebiet habe, habe ich frueher schonmal dargelegt. Heute allerdings habe ich wieder einmal einige Erfahrungen gemacht, fuer die ich kein Quaentchen Verstaendnis oder auch nur den Funken eines Impulses verspuere, sie fuer mich zu behalten.
Die Szene: Ein Regionalzug im Ruhrgebiet (RE3, Rhein-Emscher-Express) zwischen 11 und 12 Uhr am Vormittag. Ich steige in Duisburg ein und setze mich ein Abteil der ersten Klasse (der Zug hat sowas noch, man sieht es spaeter auf einem der Bilder). Es ist warm, die Luft ist schlecht, mit mir im Abteil sitzen 2 aeltere Herren – vermutlich zwischen 70 und 80, die mich skeptisch mustern und mein freundliches “Guten Tag” nicht erwidern. Man will ja mal hoeflich sein und der Generation n-2 die Angst vor jungen Leuten nehmen – aber das scheint nicht zu klappen. Der Zug faehrt ab, als mein Notebook gerade zuende gebootet hat und ein Mann kommt mit seiner Frau (die ein Kopftuch traegt) etwas unsicher den Gang entlang. Dabei unterhalten sie sich auf einer Sprache die ich nicht verstehe, aber die fuer mich nach Tuerkisch klingt und der Tonlage und Stimmung zu urteilen ueberlegen sie, wo sie sich hinsetzen.
Ich sehe die beiden ein Stueck weiter auch in ein Abteil gehen, in dem 2 alte Frauen sitzen, von denen die eine lautstark mit dem Handy telefoniert (siehe unten, die Frau betreibt eine himmelstinkende Selbstbeweihraeucherung verbaler und kosmetischer Natur. Nicht nur, dass ihr fuerchterliches Parfuem maszgeblich fuer die schlechte Luft im Zug verantwortlich ist, nein. Sie verkuendet auch noch durchs Telefon immer wieder wie modern sie doch sei und wie Fortschrittlich und was sie nicht alles fuer andere tun wuerde). Die beiden Sitzplatz-Suchenden haben gerade ihr Gepaeck auf den Ueberkopf-Ablagen untergebracht als die Telefonistin ihr Telefonat unterbricht: “… momentchen Gisela.”, dann wendet sie sich den beiden Reisenden zu: “Das ist hier aber die erste Klasse”, sagt sie, als haette man ihr gerade die Dauerwelle gebuegelt und wiederholt nocheinmal – vermutlich denkt sie, man habe sie nicht verstanden: “Er-ste Klas-se, hm? Verstehen?”. Die Situation erhaelt ab sofort meine geballte aufmerksamkeit. Vorurteile und dieses Vom-Himmel-hoch-herab gehen mir wider den Strich. Der Mann sagt: “Aha?” und wendet sich seiner Frau zu: “Sollen wir hier sitzen bleiben?”. Die Frau zuckt mit den Schultern. “Guter Mann”, sagt die Telefonistin weiterhin mit einer lauten, durchdringenden und arroganten Stimme, “ich bin kein Schaffner, aber wenn der sie hier sieht, dann kostet das, das sag ich ihnen aber mal.”. Der Mann ruehrt sich nicht und schaut zu der telefonierenden Frau herab, die noch hinzufuegt: “Da koennen sie mich ruhig anschauen, mit ihrer Fahrkarte koennen sie hier nicht sitzen.”
Meine Kragen sind ueppig geschnitten, dennoch war selbiger kurz vor dem bersten. Der Mann und die Frau kramen ihr Gepaeck zusammen und verlassen das Abteil. Sie versuchen es eins weiter, quasi ein Abteil von meinem entfernt, nocheinmal. Wieder verstauen sie ihr Gepaeck in der Ueberkopfablage, wieder unterbricht die Telefonistin nebenan ihr Telefonat und steht auf. Sie dreht sich um und spricht quasi ueber die Rueckenlehne weiter mit den beiden: “Das ist auch erste Klasse. Sie koennen hier nicht sitzen. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe telefonieren.”. Der Mann wird deutlich sichtbar rot, seine Frau legt ihm die Hand auf die Schulter und holt das Gepaeck wieder aus der Ablage. Eine Frau die in dem Abteil sitzt in dem die beiden gerade sind sagt etwas leiser: “Nehmen Sie es nicht persoenlich, aber das hier ist fuer Leute die mehr bezahlen koennen.”. Sie tut ganz gut daran, verlegen wegzuschauen – zumindest sieht sie so nicht, wie rot der Mann inzwischen geworden ist.
Inzwischen sind wir fast in Oberhausen und die beiden Platzsuchenden steigen wieder aus. Als sie bei mit vorbei kommen fragt die Frau den Mann in fast akzentfreiem Deutsch: “Was bedeutet denn jetzt erste Klasse?” und ihr Mann antwortet: “Das scheint was fuer Leute zu sein, die sich vor allem wichtig vorkommen.”. Als sie weitergehen sprechen sie weiter in ihrer Sprache. Ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen und auch die beiden Herren, die mir gegenuebersitzen sind der Situation gefolgt und nicht besonders begeistert von dem Verhalten ihrer Generationskolleginnen.
“… und dann habe ich 40 Briefe versendet und auf dem Treffen waren dann alle da. Du haettest die Hunde sehen sollen… ohne mich waer da NICHTS los gewesen, das kannst du mir glauben Gisela“
Um in der Situation selbst etwas zu sagen war ich etwas zu baff und im Nachhinein tut es mir leid, denn ich haette zu gerne diesen Eindruck vom Bahn-Publikum korregiert. Als ich dann aber da so sass dachte ich “Das kann aber doch eigentlich nicht sein” und musste einfach irgendwas machen. Mich wurmte die Frage, was diese Frau wohl zu dem Verhalten animiert hat. Das Kopftuch? Die Fremdsprache? Aussehen, Kleidung? Die leichte Unsicherheit? Wer mit so einer Ueberzeugung Leute aus dem Abteil jagt ohne einen wirklichen Grund dafuer zu haben, der muss sich recht sicher sein, dass er im Recht ist. Ich dachte ich lass es mal auf einen Versuch ankommen um zumindest die faschistische Komponente fuer mich auszuschliessen. Eine Frau die einfach Dumm ist haette ich eher ertragen als eine Frau, die vermutete Auslaender in die Wueste schickt. Ich dachte “Sie hat dich hier nicht sitzen sehen und in dem Abteil ist es nicht voller. Du gehst jetzt einfach mal etwas verlegen in das Abteil rein und setzt dich da hin.”.
Am naechsten Bahnhof habe ich dann den Platz gewechselt.
‘Wuerden Sie diesen Mann sitzen lassen?‘
Ich setze mich also auf einen der freien Plaetze. Wie auch in meinem alten Abteil habe ich die ganze Bank fuer mich alleine. Ich sitze mit dem Ruecken zum Tuerraum und habe beide Frauen im Blick. Die Telefonistin rechts und die andere – zum Glueck schweigsamere – Frau links. Als ich sitze und mein Notebook aufklappe mustert mich die Telefonierende Frau misstrauisch und unterbricht wieder ihr Telefonat. Diesmal allerdings wechselt sie nur das Thema, ohne mich direkt anzusprechen: “Du glaubst das nicht Gisela, hier kann anscheinend keiner lesen. Eben setzt sich hier so ein Asylantenpaerchen in mein Abteil und jetzt schon wieder. Dass die alle keine Erziehung haben.”. Ich fuehle mich bestaetigt – die Frau hat anscheinend nicht nur ein echtes Geltungsbeduerfnis sondern ist auch noch Dumm und offensichtlich eine deutliche geistige Behinderung im Hinblick auf Menschenkenntnis. Ich kuemmere mich nicht weiter um sie und lasse sie weitertelefonieren. Immer wieder laesst sie saetze fallen wie “Jetzt muesste hier aber doch langsam mal ein Schaffner kommen” oder “Dass die Leute meinen, 40 Euro seien mal eben so verdient”. Ich warte auf den Schaffner, der den gleichen Fehler begeht und mich zuerst ohne Kontrolle meiner Fahrkarte und unter “Das hast du nun davon”-Blicken der Frau aus dem Abteil verfrachten und kassieren moechte, allerdings sind beide ernuechtert, als der ‘Gameboy’ des Herrn Zugbegleiters meine Fahrkarte genehmigt und ich mich – immernoch grinsend setze.
Ich wuerde mir weniger hohes Ross wuenschen von vielen, noch viel mehr wuerde ich mir wuenschen dass man abwartet bevor man sich seine Vorurteile selbst bestaetigt. Die Bahn gibt ein herrliches Beispiel – jeden Tag – dafuer wie Menschen mit einander umgehen und ich kotz mir jedes mal die Seele aus dem Leib. Leute: Runterkommen, ruhig bleiben.
Danke,
der Sternensucher


Da wird einem schlecht…oh Mann……
Wäre ich völlig ohne Vorurteile würde ich jetzt wohl einen bitterbösen Kommentar schreiben wie borniert doch manche Menschen sind und in was für einer verblödeten Gesellschaft wir doch leben…
Ich bin es aber nicht, ich hätte sicher schon vom Aussehen der Frau auf ein solches Verhalten geschlossen und ich rege mich bei jeder Gelegenheit wieder auf wenn diverse Gruppen lautstarker Jugendlicher (“immer diese Hauptschüler”) mit Handys im Zug sitzen. Man merkt mir vlt. eine gewisse verbitterung bei diesen Themen an, doch zumindest versuche ich meine Vorurteile nicht sofort nach außen sichtbar werden zu lassen… ich fühle mich nur halt selbst jedes mal aufs neue bestätigt wenn dann wirklich wieder ein Handy lautstark irgendwelchen Proll-HipHop dudeln muss oder eine abgehalfterte Fregatte aus den ehem. oberen 10K ihrer Freundin vom Sittenverfall oder ähnlichen Unsitten berichten muss.