Archive for the ‘Schnipsel’ Category

getraeumt [Snippet]

Sunday, May 10th, 2009

Gemeinsam sitzen sie in der Luft in diesem Grossen Raum, dessen Waende aus massiven Metallplatten bestehen. Woher das Licht kommt ist nicht zu erkennen, die quadratischen Metallplatten jedoch erscheinen in ihrer vollstaendigen Kuehle und bedrueckenden Stille um sie herum. Ein eiskalter Kubus aus Metall genau in dessen Mitte im Schneidersitz sich gegenueber diese beiden Seelen in der Luft.

Sie starrt mich an. Leer und doch nicht annaehernd so kalt und ziellos wie die Atmosphaere um uns herum. Ich starre zurueck. Stille. Dann oeffne ich meinen Mund. “Leere”, sage ich. Sie starrt weiter.

Er starrt mich an. Ziellos, doch nicht annaehernd so Leer wie der Raum in dem wir schweben. Ich starre zurueck. Er oeffnet seinen Mund. “Leere” durchbricht die Stille. Ein Wort ohne Inhalt hallt zwischen dem Metall. Der einzige brechende Punkt sind wir, Ist er, bin ich.

“Leere” verhallt langsam. Sie starrt weiter, leer, aber warm. Sie wartet, bis Stille die Leere wieder abloest, dann oeffnet Sie den Mund. “Ewigkeit”, sagt sie und die Worte hallen wider, ein Echo an den Waenden und in meinem Kopf. Sie verschwimmt vor meinen Augen, waehrend der Rest des Raumes stabil bleibt. Ihr Bild zerfaellt zu einer Wolke aus farbigem Rauch, der ebenso wie das Echo, langsam in den Ritzen des Raumes versickert.

Ich hoere die Leere verhallen, langsam, fast stillstehend. Wie Luft legt sich das Wort um mich, umfasst mich, laesst meine Gedanken schwinden. Ewige Leere. Ich oeffne meinen Mund. “Ewigkeit” – ein Wort der Akzeptanz, des Ausblicks auf ewige Leere. Ich spuere wie ich verschwimme, mich aufloese, eins werde mit dem Raum. Dann verliere ich mein Bewusstsein, bin nicht mehr. Ich hoere auf zu existieren, fuer immer.

“Einsamkeit” verlaesst meine Lippen. Kein warmer leerer Blick mehr, der an mir haftet. Nur an mir noch kann sich die Einsamkeit brechen. Nur ich kann sie verhallen lassen, in diesem leeren kalten Raum

(ein leicht surrealer Traum, den ich vor einiger Zeit hatte… hat mich etwas inspiriert hier)

Schienen-Reim

Thursday, April 23rd, 2009

Zwei Seelen (2002)

Ein altes Gedicht von mir und ein altes Photo von mir finden zusammen. Ganz klassisch – ich finde, auch wenn es nicht hier hin passt, gehört es hier hin.

Und hoffen wir – in unserer Identität als Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer – dass wir nicht in der Nähe sind, wenn dieser Traum wahr wird.

Gruss vom Sternensucher

P.S.: Manche Sterne findet man in der Bahn… auch wenn sie recht schnell wieder weit weg sind.

Laufen… [snippet]

Sunday, February 15th, 2009

Muede stolpert er ueber ein paar Äste, die von Schnee bedeckt in seinem Weg liegen. Seine Füße sinken tief in den Schnee und mit jedem Schritt verliert er den Glauben daran, seinem Ziel näher zu kommen. Schon seit Kilometern gehorcht ihm sein Körper nur noch sporadisch, seit Stunden irrt er verlassen durch den Wald – durchs Unterholz. Einen Weg hat er mindestens ebensolang nicht mehr erblicken können und auch keine Lichter. Nur der Mond scheint durch die blattlosen Baumkronen und taucht seine Umgebung in ein leicht bläuliches unsicheres Licht. Kraftlos kämpft er sich den Weg durch Gebüsche und Hecken. Sträucher erscheinen ihm wie die Gitter einer Gefängniszelle – grau und undurchdringlich. “Bloss nicht stehen bleiben…”, denkt er sich immer wieder. Wie ein Mantra murmelt er seinen Gedanken vor sich hin, welcher wie er mit jeden Schritt an Kraft verliert. “… wenn ich stehenbleibe, bin ich erledigt.”. Er stolpert aus einem Gebüsch in eine Gruppe Brombeersträucher, welche ihm durch seine durchnässten Kleider tiefe Risse in die Haut graben. “Ich kann nicht stehenbleiben”, murmelt er weiter, als er merkt, wie das warme Blut ihm den Arm herabrinnt – wärmer als der schmelzende Schnee, der ueberall in seiner Kleidung haftet. “Wären da doch nur ein paar Lichter, nur eine Hütte.”, denkt er, während er die Brombeerstraeucher hinter sich lässt, mehr auf allen Vieren als laufend. Jeder Schritt scheint ihm wie ein Berg, jede Bewegung schmerzt, seine Knochen wollen bersten, doch noch hält er sie zusammen. “Wo ein Wille da ein Weg.”, sagt er sich und schleppt sich weiter. Immer dichter wird das Unterholz und der Mond spendet kaum noch Licht. Sein Atem friert fast in dem Moment, in dem er seinen Mund verlässt und Eiszapfen hängen aus seinem Bart, brennen an seinem Kinn, so kalt sie auch sind. Er kann die Stellen in seinem Körper nicht mehr erkennen, an denen er keine Schmerzen hat, kann sie nicht mehr ertragen. So sehr sie ihn zwingen weiterzuwanken, so sehr rauben sie ihm die Kraft. Er fällt von einem Schritt in den nächsten, trudelt, wankt, aber bleibt nicht stehen. Er rudert mit den Armen durch den Schnee, fängt sich, wankt weiter. “Fussspuren!”, schreit er auf einmal. Tatsächlich liegen vor ihm Fussspuren im tiefen Schnee, mitten im Unterholz. Ungleichmäßig und immer wieder unterbrochen von Büschen. Er spürt Wärme in sich, neue Hoffnung. Er eilt, hastet fast,  mit seinen letzten Kräften. Der Schnee staubt unter seinen Füßen und hervor,  und er fliegt über die Äste und kleinen Straeucher hinweg, den Spuren nach, in der Hoffnung auf Wärme und einen Platz an dem er neue Kraft sammeln kann. “Spuren! Endlich! … ein Mensch… ein anderer Mensch!”, schreit er schliesslich laut hervor.

Die Spuren führen ihn zu einer Gruppe Brombeersträucher, wo sich eine kleine Blutlaache in den Schnee gegraben hat. Es ist noch nicht gefroren, fast noch warm… und es ist sein Blut. Wie erschlagen sackt er zusammen, als die Hoffnung von ihm weicht. Er hat keine Kraft mehr. “Nur eine Minute… nur eine Minute Pause…”, flüstert er, als sein Herz das letzte mal schlägt. Und nur der Mond wirft Licht auf seinen Körper, der leblos und kalt nach und nach vom leise fallenden Schnee bedeckt wird.

Vergessen…

Wednesday, November 26th, 2008

Der Moment in und das Gesicht mit dem sie vor ihn trat, sollte sich tief in sein Gedaechtnis einbrennen – und es fuehlte sich auch in etwa so an als wuerde er das gerade tun. Irgendwo zwischen Schmerz und Kummer war er gerade dabei den Verstand zu verlieren. Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Na sicher hatte sie, nur warum? Wer haette noch gestern gedacht, dass soetwas ueberhaupt moeglich sei – sie kannten sich schliesslich nicht erst seit gestern und er kannte ihre Mimik vermutlich so gut wie sie seine – zumindest glaubte er das. Nicht zum ersten mal wuerde es Streit geben und nicht zum ersten mal haette er lieber in einem Loch im Boden gehockt als mit dieser Situation konfrontiert zu sein. “Wir muessen reden” hatte sie gesagt. Und nach allem was er wusste sollte nun, keine 2 Sekunden nachdem sie den Satz vollendet habe der beruehmte Folgesatz kommen: “Es ist aus.”. “Nein Nein Nein”, dachte er sich und fummelte in Gedanken an dem Pflock der in seinem Herzen steckte. Er konnte die Schmerzen nicht mehr ertragen. Wenn jetzt auch noch die schoenen Momente der letzten Jahre an ihm vorueberzoegen… da waren sie schon. “Oh mein Gott”, dachte er weiter, “Es ist vorbei”.

Aus ihren Augen sprach der Wahnsinn der Unmittelbarkeit und als er hineinsah hatte er Muehe, jenes Strahlen aus den Augenwinkeln zu erkennen, dass ihn damals dazu gebracht hatte, sich naeher mit ihr zu beschaeftigen. Hatte sie wirklich allen Eindruck, allen Ausdruck verloren oder war das nur wieder so ein Gefuehl? Es war nicht zu ertragen. In Zweifeln versunken schabte er all seinen Mut zusammen und fragte: “Worueber?”. In ihren Augen formte sich Wut, Verwunderung und purer Aerger. Ihr nachdenkliches Gesicht formte eine eindrucksvolle Emotionswand, die unerbittlich auf ihn zu schoss. Gleich wuerde sie ihm Vorhaltungen machen, warum er denn nicht wisse worum es geht, gleich wuerde sie ihm vorwerfen, ER sei unfaehig ein geregeltes Leben zu fuehren und nicht in der Lage Probleme zu erkennen. Ausserdem wuerde sie sagen er sei auf noch ungefaehr 200 weiteren Gebieten vollkommen unterbelichtet und ohnehin haette es ja anscheinend viel zu wenig Sinn ueberhaupt ein Gespraech mit ihm fuehren zu wollen – ueber etwas wichtiges. Genau so wuerde es kommen, jawohl!

“Du hast es vergessen?”, sprach ihr Mund, der rest von ihr bliebt vollkommen bewegungslos, nichtmal ein Blinzeln. Ihre Worte waren wie der Geruch aus dem Kuehlschrank, kalt und unangenehm. Sie drangen tief in seinen Kopf, an die Stellen an denen er Dinge vergrub, die er gerne vergessen wollte, aber es nicht schaffte. Er fuerchtete, es sei wieder so eine Frage, auf die er nur die falsche Antwort wuerde geben koennen. Ein “Ja” waere ein katastrophales Eingestaendnis seiner Schuld und seines Vergessens und wuerde nur bestaetigen, was er dachte was sie dachte. Ein “Nein” waere eine glatte Luege – auch wenn er ja nichteinmal wusste wovon die Rede war. Zumindest hatte sie nicht “Es ist aus” gesagt – schonmal ein grosser Stein, der von seinem Herz stuerzend ein lautes Poltern in seinem Inneren verursachte – so erstickend leise war es. Aber was nun? Sie starrte immernoch fragend, ja fast drohend auf seine Augen, abwechselnd auf das linke und das rechte – kontrollierend, so als wolle sie verhindern, dass eins von beiden vielleicht die Flucht aus dem Raum in Betracht zoege. “Ich habe nichtmal eine Vorstellung, worum es geht”, sagte er. Ohne dass sich ihre Mimik wirklich zu aendern schien, bildeten ihre Mundwinkel ein unterschwelliges, ja fast diabolisches Laecheln aus. Ihr ganzes Gesicht, ja ihr ganzer Koerper sprach “Klar!”, ja bruellte es geradewegs in sein Gesicht. Er gruebelte erneut, warf alle Gedanken durcheinander, brachte alle auf einen Haufen und begann sie nach und nach wieder zu sortieren. Er driftete ab und sie, sie hielt ihn im Auge – liess ihn zappeln. Ihr Geburtstag? Nein, der ist schon was her, noch kein ganzes Jahr, aber fast. Ein Termin mit irgendjemandem? Er konnte sich nicht an einen Termin erinnern – zumindest keinen, der so wichtig gewesen waere. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf – und waehrend sein Gesicht nun eher verzweifelte und schwer gruebelnde Zuege annahm, zeigte ihres weiterhin keine Regung – bis auf das kontrollierende Patroullieren ihrer Augen auf seinem Gesicht.

“Du hast es echt vergessen, oder?”. Er stand da, einen Gedanken in beiden Haenden haltend, das Elend der Welt in den Augen und ein Gesicht, dass nichts deutlicher tat als schoneinmal im Vorhinein um Verzeihung zu bitten. Er hatte nichts gesagt, sich nicht getraut auch nur zu fragen worum es ging. Statt dessen stand er da, wuehlte in Gedanken und hoffte, sie wuerde zuerst aufgeben und den Raum verlassen. “Ich hab es mir gedacht”, schob sie nach und lockerte ihr strenges Gesicht ein wenig, “du hast es wirklich und ehrlich vergessen.”. “…. Anscheinend”, sagte er und seine Einsilbigkeit war ueberwaeltigend. Waehrend sein Mund diese Botschaft der Aufgabe von sich gab, war auf seinem Gesicht kein Zeichen der Resignation zu erkennen, nein eher ein verzweifeltes Fragen. Er sagte dennoch nichts und hoffte noch immer auf ein Zeichen von ihr. Ihr Ausdruck machte einen Wandel von Drohung zu Mitleid, sie seufzte und nahm ihn in den Arm. Er wusste nicht was er sagen sollte, entgleiste innerlich und obwohl sich seine Hoffnung auf selbststaendige Loesung des Problems fast noch besser erfuellt hatte als er zu hoffen jemals gewagt hatte, wagte er nicht, es als beendet hinzustellen. “Alles gute zum Geburtstag”, sagte sie und drueckte ihn nocheinmal an sich. Sie nahm ihn bei den Schultern, schaute ihm mit einem zufriedenen Gesicht in die noch immer vollkommen sprachlos verdutzt ins leere blickenden Augen: “Ich hab eine Kanne Tee dabei”, sprach sie.

Sie hatte offensichtlich mit Anna gesprochen…

Zwei Tassen [snippet]

Thursday, October 16th, 2008

Es gibt wohl keine einfache oder unbefangene Erklaerung fuer die Dinge, die passierten an dem Tag und an dem Ort, an dem ich einen Menschen kennenlernte der mein Leben innerhalb von Minuten auf den Kopf stellte – dazu gesagt: Fuer einen Menschen der sich ein Leben lang alles Umwuehlt um gluecklich zu sein, fuehlte es sich nacher richtiger – ja, mehr nach mir an.

Es war ein nicht ganz normaler Freitag. Das Buero war in heller Aufregung und ich war nicht der einzige Mitarbeiter, der noch vor Mitternacht aufgestanden und an seinen Schreibtisch zurueckgekehrt war. Viele hatten Anrufe bekommen – eine Krise. Jeder mit ungefaehr 10 Fingern wurde gebraucht um in die Tasten zu hauen – die eigene Existenz und die der Firma nachhaltig zu sichern. Es dauerte mehrere Stunden alleine die Probleme zu loesen, die das Loesen der Hauptprobleme erschwerten, es dauerte bis in den Morgen, die Hauptprobleme zu isolieren und einige Teams sollten bis in den Mittag daran arbeiten die isolierten Probleme zu beheben. Ich jedoch verlor noch vor Sonnenaufgang jegliche Zurechnungsfaehigkeit und stellte die Arbeit ein. Ich zog mich zurueck in den Club-Bereich der Cafeteria – die Sofas waren ausnahmsweise einmal leer – und setzte mich mit einem grossen Seufzen nieder. ‘Eine Tasse Kaffee waere jetzt was’, dachte ich, doch fuehlte mich zu muede um aufzustehen. Die Augen fielen mir zu und ich schlief ein, nur ein Stockwerk ueber einer der groessten Katastrophen der Firmengeschichte.

Neben mir knirschte das Leder des schweren Ledersofas und eine leichte Mulde bildete sich, die dafuer sorgte, dass ich – noch immer schlafend – zur Seite kippte. Als ich auftraf wurde ich wach, meinen Kopf auf einer fremden Schulter. Ich schreckte auf. “Oh… Tschuldigung.”, stammelte ich und setzte mich verlegen auf. Ich spuerte quasi wie mir das Blut in den Kopf schoss. “Macht nix.”, sagte eine Stimme die ich nicht kannte. Ich wagte einen Blick – und ebenso unverwandt wie die Worte grinste mich ein Maedchen an, etwa so alt wie ich. Ich zog eine Augenbraue hoch waehrend sie noch immer weitergrinste. “Hi.” sagte ich, noch immer etwas irritiert. “Du bist knallrot.”, fuegte sie hinzu und kicherte ein wenig. “Mhm”. Laute fielen mit bedeutend leichter als jetzt etwas zu sagen. “Hab ich dich geweckt?”, fragte sie. “Ich weiss es nicht. Vermutlich habe ich mich selbst geweckt als ich auf deine Schulter gefallen bin.”. Ich konnte sie nicht in dem Glauben lassen, sie habe mich geweckt. “Gut… moechtest du auch einen Kaffee?”. Der Gedanken an Kaffee, der mich schon… wie lang hatte ich eigentlich geschlafen? Egal… Sie hatte was von Kaffee gesagt. “Klar!”, sagte ich mit allem Enthusiasmus den ich in der Mischung aus Verwirrung und Muedigkeit herausbrachte. Sie grinste ein wenig breiter: “Schoen, ich auch.” … Stille… bis sich ein wenig meiner Verwirrung in ein unangenehmes Gefuehl der Peinlichkeit wandelte. Ich stand auf, so schnell es irgend ging, blieb einen Moment stehen und wandelte – nach einem verwirrten blick auf das Sofa – auf die Kaffeemaschinen zu um ihr und mir meinen Kaffee zu holen. “Wie…”, wollte ich gerade ansetzen, aber sie war schneller: “Kein Zucker… keine Milch… aber bitte genug.”. Das kam mir nur bekannt vor – vor allem mit dem “genug” wuerde auch ich mich anfreunden koennen. Ich griff 2 Jumbo-Tassen aus dem Schrank und stellte die erste unter die Maschine, drueckte den Knopf und drehte mich zu ihr um. Sie grinste noch immer und hatte jeden Handgriff den ich tat genau im Auge. “Stell ihn doch bitte noch etwas staerker ein”, sagte sie, als ich die 2. Portion in ihre Tasse bruehen lassen wollte.

Mehrere Minuten und einen schluffenden Weg mit 2 gefaehrlich vollen Tassen Richtung Couch spaeter sass ich wieder, ein Stueck weiter weg von ihr als vorher. Sie hatte, wie ich, die Tasse fest umklammert und hing nun eher, die Schuhe ausgezogen und die Beine angewinkelt, anstatt meinem Kopf nun ein Kissen an der Schulter. Sie trank einen Schluck, schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Ich sass da, die Ellebogen auf den Oberschenkeln, die Tasse vor dem Gesicht und den Ruecken so krumm wie einen Saebel und meine Augen auf die Wand gerichtet. “Was machst du eigentlich hier?”, fragte sie schliesslich. Ich deutete nach unten, um anzudeuten warum ich da war und startete einen Erklaerungsversuch: “Ich war muede, ich konnte nicht mehr. Eigentlich wollte ich… ” “Und dann bist du einfach eingeschlafen, lass mich raten..”, unterbrach sie mich. “Richtig.”, ich lachte ein wenig und sah zu ihr herueber.  Sie schaute skeptisch und betrachtete das Foto auf meinem Ausweis, der von meinem Guertel hing – kein Foto auf das ich besonders stolz waere. “Und du?”, fragte ich, als ihr Gesicht gerade wieder hinter ihrer Tasse verschwand. “Ich frage mich ob dich das was angeht”, sagte sie geheimnis- und etwas vorwurfsvoll. Ich schaute auch auf ihren Ausweis. “Frederike.”, sagte ich, “2nd Level oder?”. Sie nickte. “Ich hoffe du weisst das nicht, weil du mir nachspionierst.”.  Wie koennte ich nur. “Nein, ich les nur eine Menge Tickets.” “Achso.”, sagte sie, “Ich habe einfach nur Nachtschicht und mache meine Pause.”

Wir schwiegen beide einen Moment, tranken einen grossen Schluck aus unseren Tassen und so langsam wurde mir klar, dass wir vollkommen alleine in der Cafeteria sassen. “Wie spaet ist es eigentlich?” fragte ich und sie grinste noch ein bisschen mehr. “Du traegst keine Uhr was?”, fragte sie und sie hatte recht. Ich trug seit Jahren keine Uhr mehr. Der Cafeteria fehlte jegliche Art Fenster und somit war ich orientierungslos – nicht im Raum aber in der Zeit.  Alles was ich merkte war, dass bis auf die Kuehlschraenke nichts zu hoeren war. Sie sagte “Spaet genug fuer eine lange Pause”. Ihr grinsen machte mich nervoes, was sie merkte. “Mach dir keinen Stress, es gibt nichts mehr zu reparieren, schon ne ganze Weile nicht mehr.”. Tatsaechlich hatte ich fuer eine Sekunde darueber nachgedacht aufzustehen. Mir wurde dieses Beisammensein auf eine unerklaerliche Art und Weise unheimlich. “Hast du was bestimmtes vor heute Mittag?”, fragte sie und machte ein geheimnisvolles Gesicht. Mittag? “Nein, ich habe eigentlich selten was vor.” “Soso” sagte sie. Ich musterte sie ein wenig. “Du hast also wirklich nichts vor?”, fragte sie nocheinmal, und zwirbelte mit einer Hand am Ende eines ihrer Hosenbeine ein paar Fransen. Ich schuettelte den Kopf, waehrend sie feststellend nickte. “Ich wuerde am liebsten einfach hier sitzen bleiben und gar nichts vorhaben… einfach so”, sagte ich. “So so”, sagte sie wieder und fuegte nach einer kurzen Pause hinzu: “… wegen mir?”. Ich dachte einen kurzen Moment nach bevor ich antwortete. “Vielleicht auch das” sagte ich schliesslich. Ich war nicht gerne alleine, aber auch nicht gerne unter Menschen… ein einziger Mensch war also gerade recht fuer ein Bisschen Ruhe und Entspannung. “Naja, nicht nur vielleicht.”, fuegte ich etwas zoegernd hinzu, “Waerst du nicht da wuerd ich vermutlich nach Hause fahren und …”. “Kommt nicht in Frage,”, sagte sie und rueckte ein Stueck naeher an mich heran, “du bleibst hier und versorgst mich mit Kaffee!”. Sie grinste wieder und auch ich musste ein bisschen lachen. “Das ist mein Ernst!”, sagte sie, moeglichst ohne zu lachen aber es gelang ihr nicht. “Wenn das so ist, gerne.”

Waeren die Tassen in dieser Firma nicht so unglaublich gross und waer der Weg zur Kaffeemaschine nicht so kurz, waere ich in den folgenden Stunden vermutlich im Stehen eingeschlafen oder auf dem Weg zur Kaffeemaschine umgekippt. Der Kaffe hielt uns wach, aber jede Bewegung war zumindest fuer mich eine Ueberwindung. Sie hingegen sass die meiste Zeit einfach da und forderte mehr Kaffee. “Es ist schoen, mal jemanden hier zu treffen, wenn sonst keiner da ist”, sagte sie schliesslich, als ich mal wieder mit 2 Tassen beladen zurueck zum Sofa kam, “Ich sitz hier entweder alleine oder mache gar keine Pause.”. Ich nickte. “Ohnehin… alleine Kaffee trinken, wo ist da der Spass dabei?”, sagte ich – und sie nickte. Und so unterhielten wir uns noch eine Weile, ich holte unzaehlige Tassen Kaffee, sie sprach von sich, von ihrer Katze, ihrer Ratte und deren Verhaeltnis mit der Katze, davon, wie man es schaffen kann, kopfueber an der Wand lehnend Metal-Songs zu singen. Sie sprach darueber, wie sie mir Stundenlang beim schlafen zugesehen hatte, dass ich im Schlaf spraeche und dass es gut gewesen waere dass nur sie zugehoert haette. Ich sprach von meinen endlosen Fahrten mit der Bahn, meiner tiefen Zuneigung zu kleinen dunklen Ecken, davon, wie unglaublich Wolken aussehen, wenn man vor den Augen einen Roten und einen Blauen Farbfilter anbringt und wie gerne ich ihre Tickets las. Ich sprach auch davon, wie sehr der Anblick ihres Gesichts nach dem Aufwachen mich gleichzeitig schockiert und beruhigt hatte und dass es weniger die Peinlichkeit war, die mich rot hatte anlaufen lassen, sondern vielmehr die unerwartete Lage, jemals neben jemandem wie ihr aufzuwachen. “Der Kaffee macht uns komisch”, sagte sie schliesslich. “Nein”, sagte ich, “ich glaube das ist einfach so.”

Erst da stellte ich fest, dass mein Kopf sich nicht mehr hinter der Tasse versteckte, sondern wieder an ihrer Schulter lehnte wo er zuerst gelegen hatte und dass sie sich wiederum an meinem anlehnte. Es war Samstag Abend… “Ich habe mir uebrigens erlaubt dich auszustempeln waehrend du schliefst.”, sagte sie noch.

Es bleibt anzumerken, dass diese Geschichte keinen Bezug zur Realitaet hat. Es besteht keine Verbindung zu real existierenden Firmen, Cafeten oder Menschen mit dem Namen Frederike. .o( so schade das auch ist)