Archive for the ‘Bahnbrechendes’ Category

Schienen-Reim

Thursday, April 23rd, 2009

Zwei Seelen (2002)

Ein altes Gedicht von mir und ein altes Photo von mir finden zusammen. Ganz klassisch – ich finde, auch wenn es nicht hier hin passt, gehört es hier hin.

Und hoffen wir – in unserer Identität als Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer – dass wir nicht in der Nähe sind, wenn dieser Traum wahr wird.

Gruss vom Sternensucher

P.S.: Manche Sterne findet man in der Bahn… auch wenn sie recht schnell wieder weit weg sind.

‘Die Rechte Elite’ oder ‘Erstklassig daneben’

Monday, December 1st, 2008

Hallo.

Ich moechte eigentlich gar nicht lange um den heissen Brei herumreden und mich rechtfertigen. Die Gruende, warum ich noch immer eine Monatskarte erster Klasse fuer das Ruhegebiet habe, habe ich frueher schonmal dargelegt. Heute allerdings habe ich wieder einmal einige Erfahrungen gemacht, fuer die ich kein Quaentchen Verstaendnis oder auch nur den Funken eines Impulses verspuere, sie fuer mich zu behalten.
Die Szene: Ein Regionalzug im Ruhrgebiet (RE3, Rhein-Emscher-Express) zwischen 11 und 12 Uhr am Vormittag. Ich steige in Duisburg ein und setze mich ein Abteil der ersten Klasse (der Zug hat sowas noch, man sieht es spaeter auf einem der Bilder). Es ist warm, die Luft ist schlecht, mit mir im Abteil sitzen 2 aeltere Herren – vermutlich zwischen 70 und 80, die mich skeptisch mustern und mein freundliches “Guten Tag” nicht erwidern. Man will ja mal hoeflich sein und der Generation n-2 die Angst vor jungen Leuten nehmen – aber das scheint nicht zu klappen. Der Zug faehrt ab, als mein Notebook gerade zuende gebootet hat und ein Mann kommt mit seiner Frau (die ein Kopftuch traegt) etwas unsicher den Gang entlang. Dabei unterhalten sie sich auf einer Sprache die ich nicht verstehe, aber die fuer mich nach Tuerkisch klingt und der Tonlage und Stimmung zu urteilen ueberlegen sie, wo sie sich hinsetzen.
Ich sehe die beiden ein Stueck weiter auch in ein Abteil gehen, in dem 2 alte Frauen sitzen, von denen die eine lautstark mit dem Handy telefoniert (siehe unten, die Frau betreibt eine himmelstinkende Selbstbeweihraeucherung verbaler und kosmetischer Natur. Nicht nur, dass ihr fuerchterliches Parfuem maszgeblich fuer die schlechte Luft im Zug verantwortlich ist, nein. Sie verkuendet auch noch durchs Telefon immer wieder wie modern sie doch sei und wie Fortschrittlich und was sie nicht alles fuer andere tun wuerde). Die beiden Sitzplatz-Suchenden haben gerade ihr Gepaeck auf den Ueberkopf-Ablagen untergebracht als die Telefonistin ihr Telefonat unterbricht: “… momentchen Gisela.”, dann wendet sie sich den beiden Reisenden zu: “Das ist hier aber die erste Klasse”, sagt sie, als haette man ihr gerade die Dauerwelle gebuegelt und wiederholt nocheinmal – vermutlich denkt sie, man habe sie nicht verstanden: “Er-ste Klas-se, hm? Verstehen?”. Die Situation erhaelt ab sofort meine geballte aufmerksamkeit. Vorurteile und dieses Vom-Himmel-hoch-herab gehen mir wider den Strich. Der Mann sagt: “Aha?” und wendet sich seiner Frau zu: “Sollen wir hier sitzen bleiben?”. Die Frau zuckt mit den Schultern. “Guter Mann”, sagt die Telefonistin weiterhin mit einer lauten, durchdringenden und arroganten Stimme, “ich bin kein Schaffner, aber wenn der sie hier sieht, dann kostet das, das sag ich ihnen aber mal.”. Der Mann ruehrt sich nicht und schaut zu der telefonierenden Frau herab, die noch hinzufuegt: “Da koennen sie mich ruhig anschauen, mit ihrer Fahrkarte koennen sie hier nicht sitzen.”
Meine Kragen sind ueppig geschnitten, dennoch war selbiger kurz vor dem bersten. Der Mann und die Frau kramen ihr Gepaeck zusammen und verlassen das Abteil. Sie versuchen es eins weiter, quasi ein Abteil von meinem entfernt, nocheinmal. Wieder verstauen sie ihr Gepaeck in der Ueberkopfablage, wieder unterbricht die Telefonistin nebenan ihr Telefonat und steht auf. Sie dreht sich um und spricht quasi ueber die Rueckenlehne weiter mit den beiden: “Das ist auch erste Klasse. Sie koennen hier nicht sitzen. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe telefonieren.”. Der Mann wird deutlich sichtbar rot, seine Frau legt ihm die Hand auf die Schulter und holt das Gepaeck wieder aus der Ablage. Eine Frau die in dem Abteil sitzt in dem die beiden gerade sind sagt etwas leiser: “Nehmen Sie es nicht persoenlich, aber das hier ist fuer Leute die mehr bezahlen koennen.”. Sie tut ganz gut daran, verlegen wegzuschauen – zumindest sieht sie so nicht, wie rot der Mann inzwischen geworden ist.

Inzwischen sind wir fast in Oberhausen und die beiden Platzsuchenden steigen wieder aus. Als sie bei mit vorbei kommen fragt die Frau den Mann in fast akzentfreiem Deutsch: “Was bedeutet denn jetzt erste Klasse?” und ihr Mann antwortet: “Das scheint was fuer Leute zu sein, die sich vor allem wichtig vorkommen.”. Als sie weitergehen sprechen sie weiter in ihrer Sprache. Ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen und auch die beiden Herren, die mir gegenuebersitzen sind der Situation gefolgt und nicht besonders begeistert von dem Verhalten ihrer Generationskolleginnen.

Die Rechte Elite heutzutage

… und dann habe ich 40 Briefe versendet und auf dem Treffen waren dann alle da. Du haettest die Hunde sehen sollen… ohne mich waer da NICHTS los gewesen, das kannst du mir glauben Gisela

Um in der Situation selbst etwas zu sagen war ich etwas zu baff und im Nachhinein tut es mir leid, denn ich haette zu gerne diesen Eindruck vom Bahn-Publikum korregiert. Als ich dann aber da so sass dachte ich “Das kann aber doch eigentlich nicht sein” und musste einfach irgendwas machen. Mich wurmte die Frage, was diese Frau wohl zu dem Verhalten animiert hat. Das Kopftuch? Die Fremdsprache? Aussehen, Kleidung? Die leichte Unsicherheit? Wer mit so einer Ueberzeugung Leute aus dem Abteil jagt ohne einen wirklichen Grund dafuer zu haben, der muss sich recht sicher sein, dass er im Recht ist. Ich dachte ich lass es mal auf einen Versuch ankommen um zumindest die faschistische Komponente fuer mich auszuschliessen. Eine Frau die einfach Dumm ist haette ich eher ertragen als eine Frau, die vermutete Auslaender in die Wueste schickt. Ich dachte “Sie hat dich hier nicht sitzen sehen und in dem Abteil ist es nicht voller. Du gehst jetzt einfach mal etwas verlegen in das Abteil rein und setzt dich da hin.”.

Am naechsten Bahnhof habe ich dann den Platz gewechselt.

Terrorist? Betrueger?

Wuerden Sie diesen Mann sitzen lassen?

Ich setze mich also auf einen der freien Plaetze. Wie auch in meinem alten Abteil habe ich die ganze Bank fuer mich alleine. Ich sitze mit dem Ruecken zum Tuerraum und habe beide Frauen im Blick. Die Telefonistin rechts und die andere – zum Glueck schweigsamere – Frau links. Als ich sitze und mein Notebook aufklappe mustert mich die Telefonierende Frau misstrauisch und unterbricht wieder ihr Telefonat. Diesmal allerdings wechselt sie nur das Thema, ohne mich direkt anzusprechen: “Du glaubst das nicht Gisela, hier kann anscheinend keiner lesen. Eben setzt sich hier so ein Asylantenpaerchen in mein Abteil und jetzt schon wieder. Dass die alle keine Erziehung haben.”. Ich fuehle mich bestaetigt – die Frau hat anscheinend nicht nur ein echtes Geltungsbeduerfnis sondern ist auch noch Dumm und offensichtlich eine deutliche geistige Behinderung im Hinblick auf Menschenkenntnis. Ich kuemmere mich nicht weiter um sie und lasse sie weitertelefonieren. Immer wieder laesst sie saetze fallen wie “Jetzt muesste hier aber doch langsam mal ein Schaffner kommen” oder “Dass die Leute meinen, 40 Euro seien mal eben so verdient”. Ich warte auf den Schaffner, der den gleichen Fehler begeht und mich zuerst ohne Kontrolle meiner Fahrkarte und unter “Das hast du nun davon”-Blicken der Frau aus dem Abteil verfrachten und kassieren moechte, allerdings sind beide ernuechtert, als der ‘Gameboy’ des Herrn Zugbegleiters meine Fahrkarte genehmigt und ich mich – immernoch grinsend setze.

Ich wuerde mir weniger hohes Ross wuenschen von vielen, noch viel mehr wuerde ich mir wuenschen dass man abwartet bevor man sich seine Vorurteile selbst bestaetigt. Die Bahn gibt ein herrliches Beispiel – jeden Tag – dafuer wie Menschen mit einander umgehen und ich kotz mir jedes mal die Seele aus dem Leib. Leute: Runterkommen, ruhig bleiben.

Danke,

der Sternensucher

Das Leben in vollen Zügen…

Monday, May 5th, 2008

Ein Experiment…

Wie tolerant ist unser Bahnvolk eigentlich heute? Diese frage stelle ich mir jeden Morgen. Seit einiger Zeit bin ich auf den öffentlichen Personen-Nahverkehr angewiesen und fahre im Ruhrgebiet von Ost nach West und wieder zurück. Diese Strecke ist vermutlich durch Berufspendler und den dicht besiedelten Raum eine der meistgenutzten Strecken Deutschlands. Die Deutsche Bahn transportiert täglich tausende Menschen zu ihrer Arbeit und wieder nach Hause… und wie benehmen sich diese Menschen in den Zügen eigentlich gegenüber einander?
Es leuchtet ein, dass viele verschiedene Menschen sich entscheiden Bahn zu fahren. Der Konzern “Deutsche Bahn AG” sieht in seinen Zügen eine 2-Klassen-Trennung vor, eine für Leute die mehr zahlen und eine für Leute die weniger zahlen. In einigen Zügen ist das tatsächlich die einzige Trennung, die Ausstattung ist öfter denn gewünscht die gleiche.
Abseits der Differenzierung zwischen viel Geld und weniger Geld kann ein Ticket fuer die erste Klasse einem morgends das Leben retten. Sardinen-Feeling ist bei der Bahn keine Seltenheit und oft hört man den lautstarken Wunsch nach mehr Wagons. Die Bereiche der ersten Klasse sind oftmals zumindest bestehbar und deutlich öfter als in den gefragten Reihen in der zweiten Klasse findet man hier noch einen Sitzplatz. Aus diesem Grund investiere ich jeden Monat etwa 35 Euro in einen Zuschlag fuer die Nutzung der ersten Klasse mit meiner Monatskarte.
“Eigentlich schade”, dachte ich oft genug, denn in der zweiten Klasse finden sich meite die sympatischeren Menschen. Ich fühle mich meist deutlich wohler – zumindest von meinem sozialen Empfinden – wenn ich nicht von Zeitung lesenden Schlipsen umgeben bin. Ich gebe zu, das wird auf Gegenseitigkeit beruhen, ich gliedere mich optisch denkbar schlecht in die erste Klasse ein: Eine ausgetragene schlabbrige graugruene Jacke, wüstes Haar, unrasiert, meist eine alte Jeans und die Brille schräg auf der Nase.
Dieser Umstand liess mich einige Beobachtungen machen, die ich euch hier ein bisschen näher bringen möchte. Aus persönlicher Sicht sind das mit Sicherheit keine besonders erfreulichen Geschichten, im Rückblich werfen sie allerdings ein düsteres und mahnendes Licht auf unsere Gesellschaft, insbesondere auf die, denen das Geld aus den Taschen hängt, oder diejenigen, die dies zumindest glauben.

Der Morgen verläuft meist so: Ich begebe mich mittels Stadtbahn zum Bahnhof, hetze mich etwas ab um einen Zug zu erwischen und bewege mich an den Wagons entlang, bis ich einen der Wagen mit gelbem Streifen finde. Diese Wagen beherbergen einige Sitze der ersten Klasse. Ich setze mich, wenn ich so weit komme, klappe mein Notebook auf und erledige ein bisschen Kleinkram (wie diesen Text) oder unterhalte mich mit Bekannten. Oft passiert einen bis 2 Bahnhoefe nichts, dann beginnen meist, ob des enger werdenen Platzes skeptische Blicke und Seufzer in meine Richtung – meist von Leuten die keinen Sitzplatz erhalten haben oder mir gegenüber sitzen (ich vermeide, wenn möglich, dass das überhaupt vorkommt, ich ertrage den Anblick einfach nicht). Nicht selten werde ich allerdings schon auf der Treppe angesprochen oder Menschen versuchen sich mit einem grimmigen “erste Klasse” auf der Treppe an mir vorbei zu drängen. Wenn möglich versperre ich mit einem “Ah, danke, da wollte ich auch hin.” den Weg und gehe meines selbigen.
Weniger Angenehm sind Menschen, die versuchen meinen Sitzplatz zu übernehmen. Meist stellen sie sich sehr aufdringlich neben einen – besonders Herren mit Kroko-Leder-(Imitat-)Aktentaschen – und beginnen sich den Mantel auszuziehen mit den Worten “stehen Sie bitte auf, das ist hier erste Klasse.”. Selten reagiere ich darauf. Ohne Kaffee kann ich mir manchmal ein Nachfragen nach einem Schwerbehindertenausweis nicht verkneifen, meist gefolgt von heftigen Ausbrüchen des Gegenüber, man habe schliesslich fuer den Platz bezahlt. “Ich auch.” sage ich meist, und widme mich wieder meinem Bildschirm. Andere sind etwas subtiler und versuchen es mit einem “Jaja, die koennten hier mal groessere Schilder in die erste Klasse haengen” zu sich selbst und gerade eben so laut dass ich es hoeren kann. Ein Mann in meiner Nähe antwortete mal auf so einen Kommentar mit den Worten “Eigentlich kann man die gut lesen, vielleicht brauchen Sie eine Brille?” – Humor ist so selten.
Man fragt sich was sich diese Leute denken. “Lass es einfach meine Sorge sein”, denke ich bei mir und fühle mich bevormundet und beleidigt. Nicht, dass ich mich eingliedern möchte, dass ich in der Menge dieser ganzen gestylten gehobenenn Angestellten untergehen möchte, ich lasse mich nur ungerne voreingenommen beurteilen. Ganz nebenbei, es geht um eine Fahrkarte und nicht um einen Wohltaetigkeitsball mit Kleiderordnung.
Handgreiflichkeiten gehören zum Glück zu den seltensten Gegebenheiten. Ein oder Zwei mal ist es mir jedoch passiert, dass man mich harsch am Arm von meinem Sitz ziehen wollte. Die Dame, die sich das ohne Vorwarnung und in voller Überzeugung der Menschheit einen grossen Gefallen zu tun traute, fand sich wenige Augenblicke später auf dem Bahnhof Wattenscheid wieder, wild protestierend, sie wolle doch nach Düsseldorf und sie wuerde nie mehr Bahn fahren wenn man sie jetzt vor die Tür setzte. Der gleiche Bahnangestellte, der sie an diesem Tag vor die Tür setzte – nicht ohne ein wohlwollendes Lächeln in meine Richtung – kontrollierte am naechsten Tag (noch immer oder) wieder wohlwollend lächelnd ihre Fahrkarte.
Häufiger als das passiert es, dass sich Leute um des Recht haben wollens vor dem gesamten Zug und auch dem eben schon löblich erwähnten Bahnpersonal auf unmenschliche Art blamieren. Oft genug machte der ein oder andere schon ein Gesicht als wolle er auf der Stelle im Boden versinken, auch auf die Gefahr hin, dann – bauartbedingt – in der zweiten Klasse zu landen. Ein Beispiel war eine Dame, die – nur etwa 10 Jahre älter als ich – meinte, von ihrem – wie sie es nannte – Altersvorrecht gebrauch machen zu wollen. Nach 5-minütiger Diskussion über die Beförderungsbedingungen der Bahn (in denen von “alten und gebrechlichen Menschen” oder “Menschen mit körperlicher Behinderung” die Rede ist, nicht aber von “Menschen die älter sind als diejenigen die da schon sitzen”) und darauf folgenden 15 Minuten purem Ignorieren ihrer Person meinerseits war sie fest entschlossen, ihr sicher vermutetes Recht mit Hilfe des Bahn-Personals durchzusetzen. Das Personal – sichtlich amüsiert – verwies sie dann darauf, sich in etwa 50 Jahren nochmal in diesem Anliegen zu melden, woraufhin die Dame schwer erbost den Wagen verlassen wollte, aber nicht konnte. Es war zu voll. Selten habe ich in so tiefer Genugtuung gelächelt wie in diesen Momenten.

Ich finde es beängstigend, wie stark Elite für diejenigen Menschen, die sich so benehmen mit Geld verbunden ist, ja wie die Oberflaechlichkeit wie jahrelang nicht gereinigte Fliesen einer öffentlichen Toilette aus ihrem Gehabe meilenweit gegen den Wind stinket. Fragt man sich, warum man dieses Ticket ueberhaupt gekauft hat. “Reisen sie bequemer und in Ruhe…”, wirbt die Deutsche Bahn, während ich mir Züge suche, die nicht in Düsseldorf enden um den Snobs zu entgehen. Danke, ruhiger und bequemer ist es mit Sicherheit in der zweiten Klasse. Mein Ticket erster Klasse? Ich sehe es als Investition in ein allmorgentliches Unterhaltungsprogramm. Vielleicht trifft man sich ja mal.