Posts Tagged ‘Camomille’

“angestaubt”

Thursday, March 6th, 2008

“Es ist nicht immer alles einfach und leicht.” … liesse sich die EP “Poussière” von Muhr in wenigen Worten zusammenfassen, muessten sie in etwa so lauten. Da das aber leider nicht geht, muessen ein paar mehr Worte herhalten.

Die Musik die ich in den Netlabeln finde klingt oft rau, experimentell und man mag fast manchmal vermuten, dass einige Kuenstler erstmal alles Veroeffentlichen, was sie so produzieren, ungeachtet der Tatsache, ob gerade die Katze ueber den Midi Controller laeuft oder man ernsthaft versucht eine Struktur aufzubauen. Herrlich lassen sich solche Stuecke in Genres wie IDM einordnen und ziehen das Gesamtbild enorm herunter… Kritiken wie “es klingt deutlich zu anstrengend” entziehen sich diese Leute dann mit Saetzen wie “Das ist nicht anstrengend, das ist nur zu anspruchsvoll fuer dich.” oder “Waere es nicht anstrengend, dann waere es nicht IDM” … Das klingt etwas nach Profilierungsdrang und passt gar nicht in den so verspielten und tiefgruendigen Kontext der Musik.

Vincent Fugere und sein Musikprojekt Muhr sind ein Urgestein der freien Elektronischen Musik und bekannt als ‘der Kopf hinter camomille und dem ronincollective‘ - zwei netlabel, die Platz fuer Kuenstler wie Mikael Fyrek, lackluster und viele weitere boten, die mit ihrer Experimentierfreudigkeit den schmalen Grat zwischen Ertraeglichkeit und einem neuen Weg trafen, als haette man sie auf schienen gesetzt - und das ohne dabei auch nur aehnlich zu klingen. Als 143 ( centquaratne3 ) beteiligt er sich gleichsam mit bildkuenstlerischen Beitraegen an Gesellschaftskritik und Artwork seinen eigenen Netlabeln. Auch fuer die EP “Poussière” schuf er einige Bilder, die leider nicht mit dieser zusammen veroeffentlicht wurden.

unreleased artwork 1
unreleased artwork 2
Unveroeffentlichtes EP Artwork

Das Netlabel serein (UK) beschreibt die EP - deren Titel sich als “Staub” uebersetzen laesst - als die wohl selbstbewussteste musikalische Veroeffentlichung Muhrs in den vergangenen Jahren. Selbstbewusst wohl auch, weil sie sich ohne ein Winperzucken auf das Minenfeld der gewoehnungsbeduerftigen Musik wagt. Wer etwas zu sagen hat, soll kein Blatt vor den Mund nehmen - und Muhr spart sich alle Blaetter und kommt sogar ohne Mund aus. Die 5 Tracks tragen einen nur wenige Meter und setzen einen dann auf einem harten und kalten Steinboden ab. Waermende Klangphaeren erahnt man in der Ferne, doch nie in Reinheit. Muhr stellt klar das problematische in den Vordergrund und laesst einem keine Ruhe in der Musik aufzugehen.
Der Begriff des “zum Nachdenken anregens” ist viel zu ausgetreten um ihn hier nocheinmal anzubringen - vermutlich wuerde er noch nichteinmal passen. Die 5 Tracks halten einen jedoch in einem Zustand des Zuhoerens, der irgendwo zwischen Gruebeln und Traeumen liegt und gewaehren einem Einblick in die Scherben einer melancholischen Welt, in der nichts so ist, wie man es sich ertraeumt. Oft trifft die Musik dieses Bild und traut sich damit, der melancholischen Stimmung vergangener EPs wie der bei miasmah music erschienenen ‘La chute du romantisme en ballades‘ zu widersprechen.

Nicht immer eben ist alles einfach - auch nicht das Zuhoeren. Das Label selbst sagt zu dieser EP: “Diese EP ist ein widerwilliges Biest und braucht ein Paar durchlaeufe um gezaehmt zu werden. Du bist es dir schuldig, das auch zu tun.” - ich moechte das so unterschreiben. Diese EP ist weniger die Art Musik, die man abends an macht, wenn man von einem gestressten Tag nach hause kommt, sondern eher die, Art Musik, die man an einem sonnigen Tag bei einem Blick aus dem Fenster in die schoene bunte Welt mit einem “das ertrag ich jetzt nicht” aus macht. Die Stunde wird kommen… :).

Artwork
‘Muhr / Poussière’ bei serein UK

Das Album gibt es wie immer mit Klick auf das Bild oder im folgenden Player direkt zum reinhoeren:




Einen guten Abend euch noch und ein erfahrungsreiches Zuhoeren wuenscht

Der Sternensucher

Fly away from this place EP

Tuesday, February 21st, 2006

Die im Netlabel Camomille (schon vor laengerer Zeit) als cam067 erschienene EP des Kuenstlers Tang Kai wagt sich in ein gefaehrliches Terrain. Nicht selten wurden Netartists aufgrund von Vocals in der Musik spaeter nicht mehr ernst genommen. Dieses Feld bleibt oft der kommerziellen Musik vorbehalten. Von diesem Vorwurf spricht sich Tang Kai mit einer Selbstverstaendlichkeit frei, die ihresgleichen sucht. Um so mehr freue ich mich diese EP als ein gelungenes Kunstwerk vorstellen zu duerfen, dass sich nicht zu verstecken braucht, weder musikalisch, noch moralisch. Eine treibende Rhythmik und der unverwechselbare zweigleisige Stil von Tang Kai, den die geneigte Hoererin sowie auch der geneigte Hoerer bereits nach wenigen Takten in der Lage ist wiederzuerkennen, schieben einen in 0-Zeit durch die 4 viel zu kurz scheinenden Tracks (von insgesamt gerade mal 23 Minuten Laenge). Leicht zu beschreiben scheint der Stil zu sein, doch ist er es nicht. Sich eine faszinierend abgestimmte Mischung aus Klangblasen im Bassbereich und darauf tanzenden kristallenen Wassertropfen vorzustellen, die im Wind umherwehen hilft vielleicht auch nur wenig, kommt diesem Klangbild allerdings sehr nahe. Zwischen diesen beiden Klangwelten tanzt die Stimme einer grossen Unbekannten, die zwar mit iherr Kraftvollen Stimmung nicht immer zur leichtigkeit des fortfliegens passt, dennoch aber die Seele in ihrem Kern trifft.

Es mag irssinnig klingen, aber trotz der mit 4 Stuecken recht kurz bemessenen Laenge der EP ist diese sehr ausgewogen gestaltet. Die Balance aus Volcals und Intrumentals ist nicht nur Zahlenmaessig sehr ausgewogen, sie ist auch musikalisch schoen gestaltet. Wenn ein Tag 24 Stunden udn 23 Minuten haben sollte, dann damit man sich dieses Album oft genug anhoeren kann um innerhalb eines Lebens daran satt zu werden.

Das Verlangen nach Mehr, wenn die EP dan unverhofft schon zuende ist, wird leider enttaeuscht. Weder im Camomille Netlabel, noch in mir bekannten anderen Netlabels taucht Tang Kai unter diesem Namen nocheinmal auf. Die vom gleichen Kuenstler unter dem Namen Mikael Fyrek unter anderem beim Kahvicollective erschienenen Stuecke erreichen diesen Stil leider bei weitem nicht, gehoeren aber auch in ein ganz anderes Genre.

Die besprochene EP ist bei Camomille auf der Seite des Releases cam067 als Zip mit 4 MP3s und Cover Art herunterzuladen. Ein geheimtip fuer alle, die gerne von dieser Welt fort fliegen… wenn auch nur fuer 23 Minuten.