Es gibt wohl keine einfache oder unbefangene Erklaerung fuer die Dinge, die passierten an dem Tag und an dem Ort, an dem ich einen Menschen kennenlernte der mein Leben innerhalb von Minuten auf den Kopf stellte - dazu gesagt: Fuer einen Menschen der sich ein Leben lang alles Umwuehlt um gluecklich zu sein, fuehlte es sich nacher richtiger - ja, mehr nach mir an.
Es war ein nicht ganz normaler Freitag. Das Buero war in heller Aufregung und ich war nicht der einzige, der noch vor Mitternacht aufgestanden und an seinen Schreibtisch zurueckgekehrt war. Viele hatten Anrufe bekommen - eine Krise. Jeder mit ungefaehr 10 Fingern wurde gebraucht um in die Tasten zu hauen - die eigene Existenz und die der Firma nachhaltig zu sichern. Es dauerte mehrere Stunden alleine die Probleme zu loesen, die das Loesen der Hauptprobleme erschwerten, es dauerte bis in den Morgen, die Hauptprobleme zu isolieren und einige Teams sollten bis in den Mittag daran arbeiten die isolierten Probleme zu beheben. Ich jedoch verlor noch vor Sonnenaufgang jegliche Zurechnungsfaehigkeit und stellte die Arbeit ein. Ich zog mich zurueck in den Club-Bereich der Cafeteria - die Sofas waren ausnahmsweise einmal leer - und setzte mich mit einem grossen Seufzen nieder. ‘Eine Tasse Kaffee waere jetzt was’, dachte ich, doch fuehlte mich zu muede um aufzustehen. Die Augen fielen mir zu und ich schlief ein, nur ein Stockwerk ueber einer der groessten Katastrophen der Firmengeschichte.
Neben mir knirschte das Leder des schweren Ledersofas und eine leichte Mulde bildete sich, die dafuer sorgte, dass ich - noch immer schlafend - zur Seite kippte. Als ich auftraf wurde ich wach, meinen Kopf auf einer fremden Schulter. Ich schreckte auf. “Oh… Tschuldigung.”, stammelte ich und setzte mich verlegen auf. Ich spuerte quasi wie mir das Blut in den Kopf schoss. “Macht nix.”, sagte eine Stimme die ich nicht kannte. Ich wagte einen Blick - und ebenso unverwandt wie die Worte grinste mich ein Maedchen an, etwa so alt wie ich. Ich zog eine Augenbraue hoch waehrend sie noch immer weitergrinste. “Hi.” sagte ich, noch immer etwas irritiert. “Du bist knallrot.”, fuegte sie hinzu und kicherte ein wenig. “Mhm”. Laute fielen mit bedeutend leichter als jetzt etwas zu sagen. “Hab ich dich geweckt?”, fragte sie. “Ich weiss es nicht. Vermutlich habe ich mich selbst geweckt als ich auf deine Schulter gefallen bin.”. Ich konnte sie nicht in dem Glauben lassen, sie habe mich geweckt. “Gut… moechtest du auch einen Kaffee?”. Der Gedanken an Kaffee, der mich schon… wie lang hatte ich eigentlich geschlafen? Egal… Sie hatte was von Kaffee gesagt. “Klar!”, sagte ich mit allem Enthusiasmus den ich in der Mischung aus Verwirrung und Muedigkeit herausbrachte. Sie grinste ein wenig breiter: “Schoen, ich auch.” … Stille… bis sich ein wenig meiner Verwirrung in ein unangenehmes Gefuehl der Peinlichkeit wandelte. Ich stand auf, so schnell es irgend ging, blieb einen Moment stehen und wandelte - nach einem verwirrten blick auf das Sofa - auf die Kaffeemaschinen zu um ihr und mir meinen Kaffee zu holen. “Wie…”, wollte ich gerade ansetzen, aber sie war schneller: “Kein Zucker… keine Milch… aber bitte genug.”. Das kam mir nur bekannt vor - vor allem mit dem “genug” wuerde auch ich mich anfreunden koennen. Ich griff 2 Jumbo-Tassen aus dem Schrank und stellte die erste unter die Maschine, drueckte den Knopf und drehte mich zu ihr um. Sie grinste noch immer und hatte jeden Handgriff den ich tat genau im Auge. “Stell ihn doch bitte noch etwas staerker ein”, sagte sie, als ich die 2. Portion in ihre Tasse bruehen lassen wollte.
Mehrere Minuten und einen schluffenden Weg mit 2 gefaehrlich vollen Tassen Richtung Couch spaeter sass ich wieder, ein Stueck weiter weg von ihr als vorher. Sie hatte, wie ich, die Tasse fest umklammert und hing nun eher, die Schuhe ausgezogen und die Beine angewinkelt und anstatt meinem Kopf nun ein Kissen an der Schulter. Sie trank einen Schluck, schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Ich sass da, die Ellebogen auf den Oberschenkeln, die Tasse vor dem Gesicht und den Ruecken so krumm wie einen Saebel und meine Augen auf die Wand gerichtet. “Was machst du eigentlich hier?”, fragte sie schliesslich. Ich deutete nach unten, um anzudeuten warum ich da war und startete einen Erklaerungsversuch: “Ich war muede, ich konnte nicht mehr. Eigentlich wollte ich… ” “Und dann bist du einfach eingeschlafen, lass mich raten..”, unterbrach sie mich. “Richtig.”, ich lachte ein wenig und sah zu ihr herueber. Sie schaute skeptisch und betrachtete das Foto auf meinem Ausweis, der von meinem Guertel hing - kein Foto auf das ich besonders stolz waere. “Und du?”, fragte ich, als ihr Gesicht gerade wieder hinter ihrer Tasse verschwand. “Ich frage mich ob dich das was angeht”, sagte sie geheimnis- und etwas vorwurfsvoll. Ich schaute auch auf ihren Ausweis. “Frederike.”, sagte ich, “2nd Level oder?”. Sie nickte. “Ich hoffe du weisst das nicht, weil du mir nachspionierst.”. Wie koennte ich nur. “Nein, ich les nur eine Menge Tickets.” “Achso.”, sagte sie, “Ich habe einfach nur Nachtschicht und mache meine Pause.”
Wir schwiegen beide einen Moment, tranken einen grossen Schluck aus unseren Tassen und so langsam wurde mir klar, dass wir vollkommen alleine in der Cafeteria sassen. “Wie spaet ist es eigentlich?” fragte ich und sie grinste noch ein bisschen mehr. “Du traegst keine Uhr was?”, fragte sie und sie hatte recht. Ich trug seit Jahren keine Uhr mehr. Der Cafeteria fehlte jegliche Art Fenster und somit war ich orientierungslos - nicht im Raum aber in der Zeit. Alles was ich merkte war, dass bis auf die Kuehlschraenke nichts zu hoeren war. Sie sagte “Spaet genug fuer eine lange Pause”. Ihr grinsen machte mich nervoes, was sie merkte. “Mach dir keinen Stress, es gibt nichts mehr zu reparieren, schon ne ganze Weile nicht mehr.”. Tatsaechlich hatte ich fuer eine Sekunde darueber nachgedacht aufzustehen. Mir wurde dieses Beisammensein auf eine unerklaerliche Art und Weise unheimlich. “Hast du was bestimmtes vor heute Mittag?”, fragte sie und machte ein geheimnisvolles Gesicht. Mittag? “Nein, ich habe eigentlich selten was vor.” “Soso” sagte sie. Ich musterte sie ein wenig. “Du hast also wirklich nichts vor?”, fragte sie nocheinmal, und zwirbelte mit einer Hand am Ende eines ihrer Hosenbeine ein paar Fransen. Ich schuettelte den Kopf, waehrend sie feststellend nickte. “Ich wuerde am liebsten einfach hier sitzen bleiben und gar nichts vorhaben… einfach so”, sagte ich. “So so”, sagte sie wieder und fuegte nach einer kurzen Pause hinzu: “… wegen mir?”. Ich dachte einen kurzen Moment nach bevor ich antwortete. “Vielleicht auch das” sagte ich schliesslich. Ich war nicht gerne alleine, aber auch nicht gerne unter Menschen… ein einziger Mensch war also gerade recht fuer ein Bisschen Ruhe und Entspannung. “Naja, nicht nur vielleicht.”, fuegte ich etwas zoegernd hinzu, “Waerst du nicht da wuerd ich vermutlich nach Hause fahren und …”. “Kommt nicht in Frage,”, sagte sie und rueckte ein Stueck naeher an mich heran, “du bleibst hier und versorgst mich mit Kaffee!”. Sie grinste wieder und auch ich musste ein bisschen lachen. “Das ist mein Ernst!”, sagte sie, moeglichst ohne zu lachen aber es gelang ihr nicht. “Wenn das so ist, gerne.”
Waeren die Tassen in dieser Firma nicht so unglaublich gross und waer der Weg zur Kaffeemaschine nicht so kurz, waere ich in den folgenden Stunden vermutlich im Stehen eingeschlafen oder auf dem Weg zur Kaffeemaschine umgekippt. Der Kaffe hielt uns wach, aber jede Bewegung war zumindest fuer mich eine Ueberwindung. Sie hingegen sass die meiste Zeit einfach da und forderte mehr Kaffee. “Es ist schoen, mal jemanden hier zu treffen, wenn sonst keiner da ist”, sagte sie schliesslich, als ich mal wieder mit 2 Tassen beladen zurueck zum Sofa kam, “Ich sitz hier entweder alleine oder mache gar keine Pause.”. Ich nickte. “Ohnehin… alleine Kaffee trinken, wo ist da der Spass dabei?”, sagte ich - und sie nickte. Und so unterhielten wir uns noch eine Weile, ich holte unzaehlige Tassen Kaffee, sie sprach von sich, von ihrer Katze, ihrer Ratte und deren Verhaeltnis mit der Katze, davon, wie man es schaffen kann, kopfueber an der Wand lehnend Metal-Songs zu singen. Sie sprach darueber, wie sie mir Stundenlang beim schlafen zugesehen hatte, dass ich im Schlaf spraeche und dass es gut gewesen waere dass nur sie zugehoert haette. Ich sprach von meinen endlosen Fahrten mit der Bahn, meiner tiefen Zuneigung zu kleinen dunklen Ecken, davon, wie unglaublich Wolken aussehen, wenn man vor den Augen einen Roten und einen Blauen Farbfilter anbringt und wie gerne ich ihre Tickets las. Ich sprach auch davon, wie sehr der Anblick ihres Gesichts nach dem Aufwachen mich gleichzeitig schockiert und beruhigt hatte und dass es weniger die Peinlichkeit war, die mich rot hatte anlaufen lassen, sondern vielmehr die unerwartete Lage, jemals neben jemandem wie ihr aufzuwachen. “Der Kaffee macht uns komisch”, sagte sie schliesslich. “Nein”, sagte ich, “ich glaube das ist einfach so.”
Erst da stellte ich fest, dass mein Kopf sich nicht mehr hinter der Tasse versteckte, sondern wieder an ihrer Schulter lehnte wo er zuerst gelegen hatte und dass sie sich wiederum an meinem anlehnte. Es war Samstag Abend… “Ich habe mir uebrigens erlaubt dich auszustempeln waehrend du schliefst.”, sagte sie noch.
Es bleibt anzumerken, dass diese Geschichte keinen Bezug zur Realitaet hat. Es besteht keine Verbindung zu real existierenden Firmen, Cafeten oder Menschen mit dem Namen Frederike. .o( so schade das auch ist)























