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Vergessen…

Wednesday, November 26th, 2008

Der Moment in und das Gesicht mit dem sie vor ihn trat, sollte sich tief in sein Gedaechtnis einbrennen – und es fuehlte sich auch in etwa so an als wuerde er das gerade tun. Irgendwo zwischen Schmerz und Kummer war er gerade dabei den Verstand zu verlieren. Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Na sicher hatte sie, nur warum? Wer haette noch gestern gedacht, dass soetwas ueberhaupt moeglich sei – sie kannten sich schliesslich nicht erst seit gestern und er kannte ihre Mimik vermutlich so gut wie sie seine – zumindest glaubte er das. Nicht zum ersten mal wuerde es Streit geben und nicht zum ersten mal haette er lieber in einem Loch im Boden gehockt als mit dieser Situation konfrontiert zu sein. “Wir muessen reden” hatte sie gesagt. Und nach allem was er wusste sollte nun, keine 2 Sekunden nachdem sie den Satz vollendet habe der beruehmte Folgesatz kommen: “Es ist aus.”. “Nein Nein Nein”, dachte er sich und fummelte in Gedanken an dem Pflock der in seinem Herzen steckte. Er konnte die Schmerzen nicht mehr ertragen. Wenn jetzt auch noch die schoenen Momente der letzten Jahre an ihm vorueberzoegen… da waren sie schon. “Oh mein Gott”, dachte er weiter, “Es ist vorbei”.

Aus ihren Augen sprach der Wahnsinn der Unmittelbarkeit und als er hineinsah hatte er Muehe, jenes Strahlen aus den Augenwinkeln zu erkennen, dass ihn damals dazu gebracht hatte, sich naeher mit ihr zu beschaeftigen. Hatte sie wirklich allen Eindruck, allen Ausdruck verloren oder war das nur wieder so ein Gefuehl? Es war nicht zu ertragen. In Zweifeln versunken schabte er all seinen Mut zusammen und fragte: “Worueber?”. In ihren Augen formte sich Wut, Verwunderung und purer Aerger. Ihr nachdenkliches Gesicht formte eine eindrucksvolle Emotionswand, die unerbittlich auf ihn zu schoss. Gleich wuerde sie ihm Vorhaltungen machen, warum er denn nicht wisse worum es geht, gleich wuerde sie ihm vorwerfen, ER sei unfaehig ein geregeltes Leben zu fuehren und nicht in der Lage Probleme zu erkennen. Ausserdem wuerde sie sagen er sei auf noch ungefaehr 200 weiteren Gebieten vollkommen unterbelichtet und ohnehin haette es ja anscheinend viel zu wenig Sinn ueberhaupt ein Gespraech mit ihm fuehren zu wollen – ueber etwas wichtiges. Genau so wuerde es kommen, jawohl!

“Du hast es vergessen?”, sprach ihr Mund, der rest von ihr bliebt vollkommen bewegungslos, nichtmal ein Blinzeln. Ihre Worte waren wie der Geruch aus dem Kuehlschrank, kalt und unangenehm. Sie drangen tief in seinen Kopf, an die Stellen an denen er Dinge vergrub, die er gerne vergessen wollte, aber es nicht schaffte. Er fuerchtete, es sei wieder so eine Frage, auf die er nur die falsche Antwort wuerde geben koennen. Ein “Ja” waere ein katastrophales Eingestaendnis seiner Schuld und seines Vergessens und wuerde nur bestaetigen, was er dachte was sie dachte. Ein “Nein” waere eine glatte Luege – auch wenn er ja nichteinmal wusste wovon die Rede war. Zumindest hatte sie nicht “Es ist aus” gesagt – schonmal ein grosser Stein, der von seinem Herz stuerzend ein lautes Poltern in seinem Inneren verursachte – so erstickend leise war es. Aber was nun? Sie starrte immernoch fragend, ja fast drohend auf seine Augen, abwechselnd auf das linke und das rechte – kontrollierend, so als wolle sie verhindern, dass eins von beiden vielleicht die Flucht aus dem Raum in Betracht zoege. “Ich habe nichtmal eine Vorstellung, worum es geht”, sagte er. Ohne dass sich ihre Mimik wirklich zu aendern schien, bildeten ihre Mundwinkel ein unterschwelliges, ja fast diabolisches Laecheln aus. Ihr ganzes Gesicht, ja ihr ganzer Koerper sprach “Klar!”, ja bruellte es geradewegs in sein Gesicht. Er gruebelte erneut, warf alle Gedanken durcheinander, brachte alle auf einen Haufen und begann sie nach und nach wieder zu sortieren. Er driftete ab und sie, sie hielt ihn im Auge – liess ihn zappeln. Ihr Geburtstag? Nein, der ist schon was her, noch kein ganzes Jahr, aber fast. Ein Termin mit irgendjemandem? Er konnte sich nicht an einen Termin erinnern – zumindest keinen, der so wichtig gewesen waere. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf – und waehrend sein Gesicht nun eher verzweifelte und schwer gruebelnde Zuege annahm, zeigte ihres weiterhin keine Regung – bis auf das kontrollierende Patroullieren ihrer Augen auf seinem Gesicht.

“Du hast es echt vergessen, oder?”. Er stand da, einen Gedanken in beiden Haenden haltend, das Elend der Welt in den Augen und ein Gesicht, dass nichts deutlicher tat als schoneinmal im Vorhinein um Verzeihung zu bitten. Er hatte nichts gesagt, sich nicht getraut auch nur zu fragen worum es ging. Statt dessen stand er da, wuehlte in Gedanken und hoffte, sie wuerde zuerst aufgeben und den Raum verlassen. “Ich hab es mir gedacht”, schob sie nach und lockerte ihr strenges Gesicht ein wenig, “du hast es wirklich und ehrlich vergessen.”. “…. Anscheinend”, sagte er und seine Einsilbigkeit war ueberwaeltigend. Waehrend sein Mund diese Botschaft der Aufgabe von sich gab, war auf seinem Gesicht kein Zeichen der Resignation zu erkennen, nein eher ein verzweifeltes Fragen. Er sagte dennoch nichts und hoffte noch immer auf ein Zeichen von ihr. Ihr Ausdruck machte einen Wandel von Drohung zu Mitleid, sie seufzte und nahm ihn in den Arm. Er wusste nicht was er sagen sollte, entgleiste innerlich und obwohl sich seine Hoffnung auf selbststaendige Loesung des Problems fast noch besser erfuellt hatte als er zu hoffen jemals gewagt hatte, wagte er nicht, es als beendet hinzustellen. “Alles gute zum Geburtstag”, sagte sie und drueckte ihn nocheinmal an sich. Sie nahm ihn bei den Schultern, schaute ihm mit einem zufriedenen Gesicht in die noch immer vollkommen sprachlos verdutzt ins leere blickenden Augen: “Ich hab eine Kanne Tee dabei”, sprach sie.

Sie hatte offensichtlich mit Anna gesprochen…

Zwei Tassen [snippet]

Thursday, October 16th, 2008

Es gibt wohl keine einfache oder unbefangene Erklaerung fuer die Dinge, die passierten an dem Tag und an dem Ort, an dem ich einen Menschen kennenlernte der mein Leben innerhalb von Minuten auf den Kopf stellte – dazu gesagt: Fuer einen Menschen der sich ein Leben lang alles Umwuehlt um gluecklich zu sein, fuehlte es sich nacher richtiger – ja, mehr nach mir an.

Es war ein nicht ganz normaler Freitag. Das Buero war in heller Aufregung und ich war nicht der einzige Mitarbeiter, der noch vor Mitternacht aufgestanden und an seinen Schreibtisch zurueckgekehrt war. Viele hatten Anrufe bekommen – eine Krise. Jeder mit ungefaehr 10 Fingern wurde gebraucht um in die Tasten zu hauen – die eigene Existenz und die der Firma nachhaltig zu sichern. Es dauerte mehrere Stunden alleine die Probleme zu loesen, die das Loesen der Hauptprobleme erschwerten, es dauerte bis in den Morgen, die Hauptprobleme zu isolieren und einige Teams sollten bis in den Mittag daran arbeiten die isolierten Probleme zu beheben. Ich jedoch verlor noch vor Sonnenaufgang jegliche Zurechnungsfaehigkeit und stellte die Arbeit ein. Ich zog mich zurueck in den Club-Bereich der Cafeteria – die Sofas waren ausnahmsweise einmal leer – und setzte mich mit einem grossen Seufzen nieder. ‘Eine Tasse Kaffee waere jetzt was’, dachte ich, doch fuehlte mich zu muede um aufzustehen. Die Augen fielen mir zu und ich schlief ein, nur ein Stockwerk ueber einer der groessten Katastrophen der Firmengeschichte.

Neben mir knirschte das Leder des schweren Ledersofas und eine leichte Mulde bildete sich, die dafuer sorgte, dass ich – noch immer schlafend – zur Seite kippte. Als ich auftraf wurde ich wach, meinen Kopf auf einer fremden Schulter. Ich schreckte auf. “Oh… Tschuldigung.”, stammelte ich und setzte mich verlegen auf. Ich spuerte quasi wie mir das Blut in den Kopf schoss. “Macht nix.”, sagte eine Stimme die ich nicht kannte. Ich wagte einen Blick – und ebenso unverwandt wie die Worte grinste mich ein Maedchen an, etwa so alt wie ich. Ich zog eine Augenbraue hoch waehrend sie noch immer weitergrinste. “Hi.” sagte ich, noch immer etwas irritiert. “Du bist knallrot.”, fuegte sie hinzu und kicherte ein wenig. “Mhm”. Laute fielen mit bedeutend leichter als jetzt etwas zu sagen. “Hab ich dich geweckt?”, fragte sie. “Ich weiss es nicht. Vermutlich habe ich mich selbst geweckt als ich auf deine Schulter gefallen bin.”. Ich konnte sie nicht in dem Glauben lassen, sie habe mich geweckt. “Gut… moechtest du auch einen Kaffee?”. Der Gedanken an Kaffee, der mich schon… wie lang hatte ich eigentlich geschlafen? Egal… Sie hatte was von Kaffee gesagt. “Klar!”, sagte ich mit allem Enthusiasmus den ich in der Mischung aus Verwirrung und Muedigkeit herausbrachte. Sie grinste ein wenig breiter: “Schoen, ich auch.” … Stille… bis sich ein wenig meiner Verwirrung in ein unangenehmes Gefuehl der Peinlichkeit wandelte. Ich stand auf, so schnell es irgend ging, blieb einen Moment stehen und wandelte – nach einem verwirrten blick auf das Sofa – auf die Kaffeemaschinen zu um ihr und mir meinen Kaffee zu holen. “Wie…”, wollte ich gerade ansetzen, aber sie war schneller: “Kein Zucker… keine Milch… aber bitte genug.”. Das kam mir nur bekannt vor – vor allem mit dem “genug” wuerde auch ich mich anfreunden koennen. Ich griff 2 Jumbo-Tassen aus dem Schrank und stellte die erste unter die Maschine, drueckte den Knopf und drehte mich zu ihr um. Sie grinste noch immer und hatte jeden Handgriff den ich tat genau im Auge. “Stell ihn doch bitte noch etwas staerker ein”, sagte sie, als ich die 2. Portion in ihre Tasse bruehen lassen wollte.

Mehrere Minuten und einen schluffenden Weg mit 2 gefaehrlich vollen Tassen Richtung Couch spaeter sass ich wieder, ein Stueck weiter weg von ihr als vorher. Sie hatte, wie ich, die Tasse fest umklammert und hing nun eher, die Schuhe ausgezogen und die Beine angewinkelt, anstatt meinem Kopf nun ein Kissen an der Schulter. Sie trank einen Schluck, schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Ich sass da, die Ellebogen auf den Oberschenkeln, die Tasse vor dem Gesicht und den Ruecken so krumm wie einen Saebel und meine Augen auf die Wand gerichtet. “Was machst du eigentlich hier?”, fragte sie schliesslich. Ich deutete nach unten, um anzudeuten warum ich da war und startete einen Erklaerungsversuch: “Ich war muede, ich konnte nicht mehr. Eigentlich wollte ich… ” “Und dann bist du einfach eingeschlafen, lass mich raten..”, unterbrach sie mich. “Richtig.”, ich lachte ein wenig und sah zu ihr herueber.  Sie schaute skeptisch und betrachtete das Foto auf meinem Ausweis, der von meinem Guertel hing – kein Foto auf das ich besonders stolz waere. “Und du?”, fragte ich, als ihr Gesicht gerade wieder hinter ihrer Tasse verschwand. “Ich frage mich ob dich das was angeht”, sagte sie geheimnis- und etwas vorwurfsvoll. Ich schaute auch auf ihren Ausweis. “Frederike.”, sagte ich, “2nd Level oder?”. Sie nickte. “Ich hoffe du weisst das nicht, weil du mir nachspionierst.”.  Wie koennte ich nur. “Nein, ich les nur eine Menge Tickets.” “Achso.”, sagte sie, “Ich habe einfach nur Nachtschicht und mache meine Pause.”

Wir schwiegen beide einen Moment, tranken einen grossen Schluck aus unseren Tassen und so langsam wurde mir klar, dass wir vollkommen alleine in der Cafeteria sassen. “Wie spaet ist es eigentlich?” fragte ich und sie grinste noch ein bisschen mehr. “Du traegst keine Uhr was?”, fragte sie und sie hatte recht. Ich trug seit Jahren keine Uhr mehr. Der Cafeteria fehlte jegliche Art Fenster und somit war ich orientierungslos – nicht im Raum aber in der Zeit.  Alles was ich merkte war, dass bis auf die Kuehlschraenke nichts zu hoeren war. Sie sagte “Spaet genug fuer eine lange Pause”. Ihr grinsen machte mich nervoes, was sie merkte. “Mach dir keinen Stress, es gibt nichts mehr zu reparieren, schon ne ganze Weile nicht mehr.”. Tatsaechlich hatte ich fuer eine Sekunde darueber nachgedacht aufzustehen. Mir wurde dieses Beisammensein auf eine unerklaerliche Art und Weise unheimlich. “Hast du was bestimmtes vor heute Mittag?”, fragte sie und machte ein geheimnisvolles Gesicht. Mittag? “Nein, ich habe eigentlich selten was vor.” “Soso” sagte sie. Ich musterte sie ein wenig. “Du hast also wirklich nichts vor?”, fragte sie nocheinmal, und zwirbelte mit einer Hand am Ende eines ihrer Hosenbeine ein paar Fransen. Ich schuettelte den Kopf, waehrend sie feststellend nickte. “Ich wuerde am liebsten einfach hier sitzen bleiben und gar nichts vorhaben… einfach so”, sagte ich. “So so”, sagte sie wieder und fuegte nach einer kurzen Pause hinzu: “… wegen mir?”. Ich dachte einen kurzen Moment nach bevor ich antwortete. “Vielleicht auch das” sagte ich schliesslich. Ich war nicht gerne alleine, aber auch nicht gerne unter Menschen… ein einziger Mensch war also gerade recht fuer ein Bisschen Ruhe und Entspannung. “Naja, nicht nur vielleicht.”, fuegte ich etwas zoegernd hinzu, “Waerst du nicht da wuerd ich vermutlich nach Hause fahren und …”. “Kommt nicht in Frage,”, sagte sie und rueckte ein Stueck naeher an mich heran, “du bleibst hier und versorgst mich mit Kaffee!”. Sie grinste wieder und auch ich musste ein bisschen lachen. “Das ist mein Ernst!”, sagte sie, moeglichst ohne zu lachen aber es gelang ihr nicht. “Wenn das so ist, gerne.”

Waeren die Tassen in dieser Firma nicht so unglaublich gross und waer der Weg zur Kaffeemaschine nicht so kurz, waere ich in den folgenden Stunden vermutlich im Stehen eingeschlafen oder auf dem Weg zur Kaffeemaschine umgekippt. Der Kaffe hielt uns wach, aber jede Bewegung war zumindest fuer mich eine Ueberwindung. Sie hingegen sass die meiste Zeit einfach da und forderte mehr Kaffee. “Es ist schoen, mal jemanden hier zu treffen, wenn sonst keiner da ist”, sagte sie schliesslich, als ich mal wieder mit 2 Tassen beladen zurueck zum Sofa kam, “Ich sitz hier entweder alleine oder mache gar keine Pause.”. Ich nickte. “Ohnehin… alleine Kaffee trinken, wo ist da der Spass dabei?”, sagte ich – und sie nickte. Und so unterhielten wir uns noch eine Weile, ich holte unzaehlige Tassen Kaffee, sie sprach von sich, von ihrer Katze, ihrer Ratte und deren Verhaeltnis mit der Katze, davon, wie man es schaffen kann, kopfueber an der Wand lehnend Metal-Songs zu singen. Sie sprach darueber, wie sie mir Stundenlang beim schlafen zugesehen hatte, dass ich im Schlaf spraeche und dass es gut gewesen waere dass nur sie zugehoert haette. Ich sprach von meinen endlosen Fahrten mit der Bahn, meiner tiefen Zuneigung zu kleinen dunklen Ecken, davon, wie unglaublich Wolken aussehen, wenn man vor den Augen einen Roten und einen Blauen Farbfilter anbringt und wie gerne ich ihre Tickets las. Ich sprach auch davon, wie sehr der Anblick ihres Gesichts nach dem Aufwachen mich gleichzeitig schockiert und beruhigt hatte und dass es weniger die Peinlichkeit war, die mich rot hatte anlaufen lassen, sondern vielmehr die unerwartete Lage, jemals neben jemandem wie ihr aufzuwachen. “Der Kaffee macht uns komisch”, sagte sie schliesslich. “Nein”, sagte ich, “ich glaube das ist einfach so.”

Erst da stellte ich fest, dass mein Kopf sich nicht mehr hinter der Tasse versteckte, sondern wieder an ihrer Schulter lehnte wo er zuerst gelegen hatte und dass sie sich wiederum an meinem anlehnte. Es war Samstag Abend… “Ich habe mir uebrigens erlaubt dich auszustempeln waehrend du schliefst.”, sagte sie noch.

Es bleibt anzumerken, dass diese Geschichte keinen Bezug zur Realitaet hat. Es besteht keine Verbindung zu real existierenden Firmen, Cafeten oder Menschen mit dem Namen Frederike. .o( so schade das auch ist)

I’m not only a Dreamer [Story Snippet]

Sunday, October 5th, 2008

Warum ich die Stille mag, die Abgeschiedenheit und die Leere vollkommener Ruhe und wie sehr ich Einsamkeit verabscheue, wuerde ich gerne anhand des folgenden Schnipsels illustrieren:

“Du sitzt hier und starrst Loecher In die Luft”, sagte Anna zu mir. Wir sassen in einem kleinen und gut besuchten Cafe auf meiner Strasse und hatten jeder eine Tasse Kaffee vor uns stehen – ihre war deutlich leerer als meine. Sie hatte vollkommen recht. “Bitte?”, sagte ich, “Ach so, ja. Du hast vollkommen Recht, ich traeum hier so rum.”. “Das merk ich”, sagte Anna. Ich hoerte den leicht vorwurfsvollen Ton. Irgendeine Nuance in ihrer Stimme entfaltete diese 3 Worte zu einem deutlich aussagekraeftigeren “Das merk ich, was traeumst du hier rum wenn ich direkt vor dir sitze?!”. “Sorry”, sagte ich, wie so oft, “Ich bin nicht ganz da im Moment.”. “Auch das merk ich”, sagte Anna ebenso vielsagend. Nur das wissende Schmunzeln auf ihren Lippen hielt mich davon ab zu glauben sie sei stocksauer. “Trink wenigstens deinen Kaffee bevor er kalt wird…”, schob sie nach. “Was ist denn los bei dir? Wir sitzen hier jetzt nicht zum ersten Mal und du guckst Loecher in die Luft… jedes mal, die ganze Zeit”. Anna lachte ein bisschen waehrend sie sprach, vermutlich um den vorwurfsvollen Ton zu relativieren. “Ich bin halt so… ich fliehe gerne von Orten, wo viele Menschen sind… wenn nicht zu Fuss, dann wenigstens im Kopf.”, sagte ich. “Du bist komisch.”,  sagte Anna nach einer kurzen Pause und lachte wieder, “Du geht mit mir nen Kaffee trinken, trinkst deinen Kaffee nichtmal und fliehst in Gedanken vor mir?”. “Neineinein!… nicht vor dir. Du fliehst quasi mit.”, versuchte ich zu erklaeren. “Du bist ja nicht der Grund, warum ich fliehe, sonst haett ich dich kaum eingeladen nen Kaffee zu trinken. Ich bin eigentlich nicht der Typ fuer volle Plaetze, das weisst du doch.”. “Warum gehst du dann mit mir hier hin?”, sagte Anna. Das Gespraech wanderte eindruckvoll schnell von einem Zusammensitzen von zwei Freunden zu einer Grundsatzdiskussion. Zum Glueck laechelte sie noch und es klang eher nach einem neugierigen Fragen als nach einem Haufen Vorwuerfe. “Ich kann keinen Kaffee kochen, sonst saessen wir bei mir Zuhause. Ich will dich ja nicht umbringen.”, wir lachten beide – leise – und schwiegen einige Momente, bis Anna die Stille brach: “Sag mal, wenn du jetzt Geburtstag hast naechsten Monat…”, ich blickte auf, “.. und wir wuerden eine Party fuer dich machen, so richtig mit allem drum und dran, ein paar Leute einladen und uns den ganzen Abend totfreuen…”.  Sie sprach den Satz gar nicht erst zuende, als sie merkte, wie sich mein Mund in eine etwas unzufriedene Form zog, der zum Ausdruck kompletter Verzweiflung nur noch ein “Hach ja” gefehlt haette.

Anna sah gar nicht mehr gluecklich aus: “Musst du immer alles kaputt machen?”, sagte sie. “Mensch, jetzt versteh mich doch nicht schon wieder so falsch..”, sagte ich. “Ich kann nicht so gut mit vielen Menschen, ich bin nicht der Typ dafuer.”. Anna machte ein vollkommen eindeutiges Gesicht. Es war klar dass es ihre Idee gewesen war, eine Überraschungsparty zu veranstalten und dass sie schon deutlich mehr als die Idee im Kopf hatte. “Was bist du denn fuer ein Typ? Ich versuch dir ne Freude zu machen – seit Jahren – und schaff es nicht. Du bist so verdammt verschlossen ueber dich!”. Anna war laut geworden und ein Mann am Nebentisch schaute vorwurfsvoll. Ich versteckte mein Gesicht hinter der Kaffeetasse, die Ellebogen auf den Tisch gestemmt und schaute verlegen in die Ecke des Raumes.  “Ich weiss es nicht, nicht der Typ fuer Parties eben. Ich bin eher so der Typ fuer nen ruhigen Abend am See mit ein paar Freunden und einer Kanne Tee”.  waehrend ich den Satz aussprach nahm Annas Gesicht neben dem vorwurfsvollem Blick auch Zuege eines Schmunzelns an. “An deinem Geburtstag im WINTER?”, fragte sie etwas unglaeubig. “Ja.”, sagte ich, etwas ueberrascht, “In Ruhe eben. Es ist schliesslich mein Geburtsag und den moechte ich so feiern.”.  “Das nennst du feiern?”, fragte Anna, “Ich meine, anstatt mit den Leuten Spass zu haben verbringst du nen Abend an nem eiskalten See?”. “Ja, das nenne ich feiern. Ich freu mich halt drueber dass alle da sind.”. “Du bist komisch.”, sagte Anna mit dieser Stimme, als kaeme ich aus einer anderen Dimension.  “Und was machst du dann an dem See mit uns?”, bohrte sie nach. Jegliche Zeichen von Vorwurf waren aus ihrem Gesicht versschwunden und sie sah jetzt eher neugierig aus, “Ich meine, was kann man an einem See im Winter gross machen?”.  “Man kann da liegen und traeumen bei Tee… zusammen mit den Leuten die man gern hat. Weiss nicht.. in den Himmel starren und ueber Dinge reden ueber die man sonst nicht redet, sich verstehen und das bisschen Waerme geniessen was man geegenseitig noch fuereinander ueber hat – und den Tee.” Ich driftete in Gedanken an den See ab und muss undglaublich bescheuert geklungen haben. “Das ist nicht dein Ernst.”, sagte Anna, “Das ist einfach nicht dein Ernst. Alles was du brauchst um dich SO klingen zu lassen ist eine Kanne Tee?” .  “Ja, und wenn du auch mitkommst vielleicht ein Haufen Decken.” schob ich nach.  Anna lachte wieder. Ich trank noch einen grossen Schluck Kaffee aus der Tasse.  Der Kaffee war kalt und bitter und ich verzog das Gesicht. Anna lachte nochmal und laechelte. “Du bist schon ein sonderbarer Mensch, da an deinem See…”, und ich war tatsaechlich in Gedanken schon da und erzaehlte mit meinen Freunden ueber das vergangene Jahr. “… und ein ganz schoener Traeumer.”.

Ich hoerte sie schon fast nicht mehr, waehrend sie die Kellnerin heranwinkte. “Zwei zwanzig für jeden”, sagte sie als sie an den Tisch trat. “Also dann keine Party…”, sagte Anna noch waehrend ich bezahlte… und sie war nicht mehr sauer.  “Nein, keine Party, aber … es waere nett wenn du den Tee kochst… du weisst schon. Das ist aehnlich wie mit dem Kaffee.”.

P.S.: Danke dir….

Es geht bergab…

Saturday, April 26th, 2008

Eine kleine Kurzgeschichte…

“Es geht bargab”, sagte Markus mit einem bedaechtigen Blick auf die Glasschale vor ihm auf dem Tisch, in der ein Himbeer-Eis mit Sahne vor sich hinschmolz. Darin herumstochernd seufzte er tief und stuetzte den Kopf auf dem linken Arm auf. Birte und Michael sahen sich fassungslos an. “Was ist los, Markus? Du bist doch sonst immer so lebhaft.”, durchbrach Birte Markus’ Monolog. “Genau! Dein Eis ueberlebt sonst nichtmal eine Minute…”, frotzelte Michael dazwischen. “Ach wisst ihr, was soll der ganze Mist eigentlich? Morgends steh ich auf, gehe arbeiten, komme Abends nach Hause. Der einzige der mich gruesst ist der Kaktus im Flur… und das auch nur, weil er so verdorrt ist, dass der Luftzug ihn zum Wackeln bringt…”. “MEIN Kaktus?”. Birte war sichtlich schockiert, “Den habe ich dir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt!”. Markus seufzte nocheinmal. “Sag mal, was erhoffst du dir in dem Eis zu finden? Du sollst das ESSEN, nicht darin herumbohren.”, meinte Michael mit einem ueberzeichnenden Tonfall. “Was solls denn? Ihr sitzt hier mit mir und ich frage mich ‘Warum eigentlich?’ und das tue ich mit allem was ich tue. Warum tue ich ueberhaupt irgendwas?”. “Man KANN nicht nichts tun.”, Birte war ueberzeugt, diese Feststellung muesse Markus aufmuntern – welcher sich hingegen nur zu einem erneuten Seufzer aufraffen liess. “Die Phantasie ist viel interessanter”, sagte Markus, inzwischen tief in Gedanken versunken, “wenn man sich mal so ueberlegt, was man sich alles vorstellen kann. Man braucht nichts tun ausser sich hinzusetzen und zu traeumen, ploetzlich ist alles moeglich”. “Na und dann?”. Michael schien Markus’ Meinung nicht zu teilen, “Was bringt dir das dann?”. “Ich sitze da und brauche nichts tun. In meinen Gedanken ist alles moeglich, weisst du? Wenn man diese kleine Wahrnehmungsgrenze ueberwinden koennte, die Phantasie in einem real wuerde, dann…”. “Du hast doch ne Macke!”, unterbrauch Michael, “Was soll das bringen? Davon wird die Welt auch nicht besser…”. “Deine vielleicht nicht, meine…” – “Sag ich doch!”, fiel Michael Markus erneut ins Wort. “Lass ihn doch mal ausreden Mensch, unser Freund steckt in einer Krise…”. Birtes Ironie war kaum zu ueberhoeren. “Ihr haltet mich fuer wahnsinnig oder? Wenn der Traum so real wird wie die Realitaet…” – “Du hast es erfasst”. Wie aus einem Munde stimmten die beiden Markus zu, der noch immer in seinem inzwischen verfluessigten Himbeereis herumfuhrwerkte, den Kopf haltend als drohe er im naechsten Moment abzufallen. “Ihr seid doof. Was ich meinte ist: Wo ist denn der Unterschied? Wenn es in meinem Kopf wahr ist und ich akzeptiere dass es dass es wahr ist, was ist so falsch daran?” “Nichts… eigentlich. Aber was haben wir davon? Oder anders gefragt: was hast du davon?”, Michael schien noch immer nicht zu begreifen. “Ich sage doch, wo ist der Unterschied? Wenn es mir reicht?”, schob Markus nach. “Och Markus… du weisst doch, dass wir fuer dich da sind.” – Birtes letzter Versuch Markus zu troesten. “Ihr begreift es einfach nicht… ihr begreift es einfach nicht.”. Markus stand kopfschuettelnd auf, trug seine Himbeersuppe zum Tresen, zahlte und verliess das Lokal, Birte und Michael zuruecklassend, die sich Schulterzuckend Blicke zuwarfen. Dann oeffnete er die Augen, stand auf und verliess den Zug – den Geruch von Himbeeren noch immer in der Nase.

… Danke, euer Sternensucher.

Verdammte tat… [Story snippet]

Tuesday, February 12th, 2008

Ein schnipsel, der so aehnlich passiert ist – nichts besonderes aber.

Ich ergattere – mit Glueck – noch einen Platz in dem vollkommen ueberfuellten Zug nach Hause. Mein Zustand der unergruendlichen Muedigkeit macht mich sehr sehr gluecklich ueber einen dieser Plaetze im Zug an der Treppe Richtung Tuer – Ein Platz den ich eh mag. Man muss sich nicht so an den Leuten vorbeiquetschen, wenn man am ZIel ist, ich mag die Leute im Zug nicht. Ich falle foermlich in den Sitz welcher zu meiner Freude auch noch einzeln steht. Mir schraeg gegenueber setzt sich zeitgleich ein aelterer Herr hin. Ich sehe an seinen Augen, dass er sich lieber einen anderen Platz gesucht haette, sehe, wie er mich mustert, missbilligend und von oben herab. Seine Augen sagen “Sowas faehrt Bahn?” … Ich blicke an ihm vorbei auf die Anzeigetafel auf der die Uhrzeit an mir vorbeiscrollt, verfolge die Zahlen und Buchstaben, waehrend ich aus meiner Jacke einen MP3-Player krame und meine Ohren schalldicht verschliesse. Musik…. ein Fluchtweg aus dieser Situation. Die Tafel verschwindet – ich schaue quasi durch sie hindurch, durch den Zug in den immer dunkler werdenen Abendhimmel.
Die Augen fallen mir zu – wozu brauche ich Sie auch, wenn ich der Gegenwart entfliehen moechte und vor meinen Augen tuermen sich Klangwelten zu Bildern auf. Ich lasse mich fallen und schwebe… sinke und falle jaeh zurueck in die Realitaet als der Zug den naechsten Bahnhof erreicht. Eine Ansage katapultiert mich in die Welt zurueck, in der klingende Schwaden aus buntem Rauch in der Vorstellung nur Brimborium eines Wirren Geistes sind. Meine Augen schweifen die Treppe und ein Wesen, dass darauf sitzt. Ihr Erscheinen ist so, dass ich nicht sagen kann ob sie schon die ganze Zeit dort sitzt, ja vielleicht schon dort sass als ich eben diese Treppe herabtaumelte auf der sie jetzt sitzt – oder ob sie erst gerade in den Zug stieg.
Keine bunten Schwaden und keine Klangwelten, nur ihr sitzen haelt mich davon ab wieder in die Phantasiewelt abzugleiten, vielleicht sogar einzuschlafen. Wie sie dort sitzt, fesselt meinen Blick.
Verlegen starre ich wieder einen Moment auf die Uhr, als ich merke, dass ich schon geraume Zeit auf ihre Brille starre, durch die Sie – ebenso gebannt wie ich auf ihre Brille – in einem Buch liest. Ich riskiere einen Blick zurueck und sehe, wie sie wiederholt ihre langen Haare von den Buchseiten streicht, ueber denen sie sich regelrecht zusammenkauert. Immer wieder neigt sie den Kopf auf die andere Seite des Buches… Erneut fuehle ich mich ertappt und starre auf die Uhr. Minuten vergehen, bis ich feststelle, wie schnell die Zeit ploetzlich vergeht.
Ich Blicke zurueck auf die Treppe und das Wesen darauf. Irgendetwas scheint mich anzuziehen, macht mich unfaehig, sie einfach dort sitzen zu lassen und wieder in meine Traumwelt zu verschwinden. Dabei ist an Ihr nichts auffaelliges… Ihre Augen springen ueber das Buch, rennen die Zeilen entlang, immer wieder neigt sie den Kopf und scheint so in der Handlung zu verschwinden, wie ich in meiner Musik… genau… die Musik. Ich kann doch nicht wildfremde Leute im Zug stundenlang anschauen… ich schaue wieder auf die Uhr und hoere auf die Musik… die Muedigkeit ueberwaeltigt mich und ich nicke ein.
Erneut weckt mich eine Ansage, ein Bahnhof. Der Zug haelt… ich schaue auf die Treppe und sie sitzt noch immer dort, studiert ihr Buch waehrend wild fluchend wie Hyaenen die zugestiegenen Fahrgaeste ueber sie hinwegsteigen. Innerlich springt etwas in mir vor Freude… diese Versunkenheit haelt mich fest. In dem Moment dreht sie ihren Kopf erneut… weg vom Buch, weiter nach links und blickt mir direkt in die Augen. Sie laechelt.
Die bunten Schwaden in meinem Kopf explodieren, verwirbeln meine Gedanken. Peinlich rote Zuege erhellen nun mein Gesicht und lassen mich erneut die Uhr studieren. Bis auf die immer wechselnde Uhrzeit weiss ich inzwischen genau wie sie aussieht – trotz allem wage ich es nicht den Kopf erneut zur Treppe zu wenden. Je laenger ich auf die Uhr starre um so langsamer vergeht die Zeit… sie kriecht… schleicht langsamer als der Zug zum naechsten Bahnhof.
Als ich nach der Ansage den Mut fasse, erneut zur Treppe zu blicken, ist das Wesen verschwunden… der einzig schoene Punkt in diesem Zug, der in seiner Uebersehbarkeit nicht zu uebersehen war… so schoen, und doch verschwunden.

Der Sternensucher