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Herunter von den Baeumen ihr Affen!

Saturday, November 24th, 2007

Hallo Freunde,

in der Blag-o-Sphere gibt es schon tausende dieser Artikel: Selbstherrliches Aufregen ueber die Dinge die andere Leute falsch machen, in der Annahme, man selbst waere besser dran. Darf ich noch einen drauf setzen ;)? Ich nehme es mir einfach mal heraus.
Worum es mir geht ist die Kommunikation, im Kern, die Kommunikation zwischen Freaks (nehmen wir mal den harten Kern der Linux Community… oder sagen wir, einer beliebigen der vielen Linux Communities) und nicht Freaks (nehmen wir mal Einsteiger), die sich als Interessierte an die Freaks wenden und somit versuchen mit ihnen zu kommunizieren. Dies sei ein Erklaerungsversuch der ganzen Missverstaendnisse, die viele immer wieder zurueck schrecken lassen. Ich moechte mich bewusst keiner der Gruppen zuordnen, meine Meinung zu diesem Thema aber unverhuellt zum Ausdruck bringen.

Wie oft musste ich in den letzten Wochen auf diversen Mailinglisten, in IRC Chats und sogar im realen Miteinander Saetze hoeren wie “Das ist wieder mal typisch Linux Community” … meistens in Verbindung mit Beschimpfungen wie “arrogantes Pack” oder “pubertierendes Grossmaul” - je nach dem ob bezogen auf eine Person oder direkt eine ganze Gruppe. Warum? Versuchen wir erst einmal uns die beiden Personengruppen unscharf verallgemeinert vor Auge zu fuehren. Tun wir mal so als waeren wir einer von ihnen, ok?

“Als Einsteiger bin ich neu in einem Thema, bewege mich etwas holprig und stolprig und bleibe hier und da an einem Problem haengen. Wie gut, dass ich weiss, dass es Leute gibt, die sich damit auskennen. Da war doch diese Mailingliste… wie macht man das eigentlich? Ach ja! steht ja auf der Seite drauf. Man schickt eine eMail hin und der rest wird sich dann schon zeigen. Einige Mails und Antworten spaeter bin ich dann tatsaechlich Mitglied dieser Mailingliste. Ob ich es wage, mal zu fragen? Man hoert ja immer wieder von unverschaemten Leuten in der Linux Community, die sich fuer was besseres halten…” - Der Einsteiger - oder sei es auch eine Einsteigerin - schreibt also eine Mail an die Liste und beschreibt sein/ihr Problem so, wie er/sie es verstanden hat. Das mag in etwa so aussehen (denkt euch ein bisschen HTML dazu):

– Kims Mails –
Betreff: HILFE! Linux mag mein Notebook nicht!!!

Hallo Liebe Hilfe-mit-Linux-ML

Ich habe ein Problem mit meinem Notebook. Unter
Linux komme ich nicht ins Wlan. Kann mir jemand
helfen? Es ist ein Asus Notebook. Ich weiss einfach
nicht weiter und habe schon alles versucht!

Gruss, Kim
– Ende Kims Mail –
(Ha! Jetzt kanns tatsaechlich maennlein oder weiblein sein ;))

Auf der Mailingliste sind einige Leute subscribed, die hilfsbereit sind und sich - meistens - mit dem wovon sie reden auch zu einem sinnvollen Grad auskennen. Ein Mitglied der Liste liest die Mail und verfasst in etwa einen solchen Gegenpost:

– Friedhelms Antwort —
Hallo Kim, hallo Liste

Zuerst einmal: schick bitte keine HTML Mails an die Liste, das
gehoert sich nicht. Wir machen hier schliesslich keinen Kurs fuer
Webseiten-Gestaltung. Das naechste mal, wenn du eine Mail an
die Liste schreibst, gestalte doch bitte auch die Betreffzeile etwas
sachlicher und Aussagekraeftiger. Danke dir!
Aber nun zu deinem Problem:

Kim wrote:
> Ich habe ein Problem mit meinem Notebook. Unter
> Linux komme ich nicht ins Wlan. Kann mir jemand
> helfen? Es ist ein Asus Notebook.

Was ist es fuer ein Asus Notebook? Welcher
Wlan-Chip befindet sich denn ueberhaupt in dem Geraet? Was fuer
eine Art Wlan verwendest du (Verschluesselung, Cloaking)? Wie weit
kommst du? Kannst du mir bitte ein paar Details liefern?

> Ich weiss einfach nicht weiter und habe schon
> alles versucht!

Was soll das denn heissen? WAS hast du versucht?
Etwas auskunftsfreudiger bitte. Und ausserdem:
Meta-Fragen sind hier redundant. Siehe dazu auch mal
http://tinyurl.com/2zsmcj an. Dann klappts auch mit der Liste

Gruss Friedhelm.
– Ende Friedhelms Antwort —

Kins Antwort fuerfte aehnlich ausfallen wie das oben beschriebene Debakel. Er/Sie koennte sich aufregen ueber die Linux Community, die nicht helfen mag, auf Kleinigkeiten rumreitet und ohne Sinn und Verstand erstmal alles kritisiert, was nicht niet- und nagelfest daherkommt. Der Kommunikationsfehler passiert meistens schon sehr frueh. Man missversteht sich, weil man von der Art der Kommunikation einfach eine andere Vorstellung hat - sich anderer Schwerpunkte bewusst ist. Oftmals liegt auch die Grenze fuer empfundene Sachlichkeit meilenweit auseinander… aber wir waren bei unserem Rollenspiel. Wie empfindet Friedhelm in unserem Beispiel?

“Ein harter Arbeitstag, ich komme nach Hause und lese noch ein paar eMails. Ah… die Mailingliste hat wieder was… oh gott. Schon beim Subject wird mir schlecht, das koennte ein AOL User sein. *les* Ahja… jetzt soll ich raten oder wie? Warum beschreiben die nicht mal ordendlich, was Sache ist? Wie soll ich wissen welches Notebook diese Person hat? Da kann ich auch nicht helfen :/. Und HTML Mails….” - So entsteht Friedhelms Antwort.

Zugegeben, das Beispiel ist alles andere als ergiebig und noch weniger erschoepfend, aber ich denke, alle Betroffenen werden die Situation erkennen/kennen. Wo passiert denn nun der Kommunikationsfehler? Hat Kim tatsaechlich etwas falsch gemacht? Ist Friedhelm mit Kim zu streng? Wer hat die Schuld? Oft fuehrt so ein etwas ungluecklicher Einstieg zu stunden- ja manchmal tagelangen Debatten - meist kommt dann noch falsches Zitieren fremder Mails hinzu, was die Sache meist ins Unsachliche eskalieren laesst - nicht weil der Hinweis unangebracht waere, sondern weil die Situation eh schon gut befeuert ist. Meistens ist das so, ohne dass die Beteiligten das wollen oder merken. Diese Diskussionen bestehen - im Sinne der oben gestellten Frage und deren Klaerung - meist zu einem grossen Teil aus mehr als unsachlichen Schuldzuweisungen. Natuerlich moechte es niemand gewesen sein, natuerlich moechte auch keiner eine Schuldzuweisung gegen sich unerwidert stehen lassen. An diesem Punkt wird einem als aussenstehenden Beobachter meistens klar, dass alle - ob Freaks, ob Nerds, ob Newbs - sich nicht von ihrer Menschlichkeit verabschieden koennen.

Tatsache ist: Niemand ist schuld. Kim kennt die Regeln noch nicht, schreibt so wie er/sie meint, dass es richtig ist, in der Hoffnung, einen hilfreichen Ratschlag zu bekommen. Friedhelm hat nicht die Informationen die er braucht um zu helfen, fragt diese deshalb nach und bittet noch - unter Hinweis auf die Regeln - um deren Einhaltung. So betrachtet ist doch eigentlich alles in Ordnung?
Der Hund liegt meiner Meinung nach begraben in der Ausdrucksweise vieler Nerds. Man ist es gewohnt, in einem gewissen Rahmen rational zu denken und zu handeln. Man spart sich Floskeln und Hoeflichkeiten um eine Information zu transportieren. Ich moechte nicht alle Nerds dieser Erde als maschinell kommunizierende Elektronengehirne abtun, nein im Gegenteil. In vielen dieser Koepfe steckt ein genialer Geist, der schlichtweg eine andere Kommunikatiosngewohnheit hat - einerseits mit Gleichgesinnten, andererseits mit Maschinen. Gibt es etwas zu sagen, dann wird das gesagt *punkt*.
So liest sich Friedhelms eMail. Eigentlich - so meint er - muesse jetzt eine sauber quotierte Antwort in Plaintext folgen mit der Aufstellung der nachgefragten Informationen. Seiner Meinung nach hat er sich mit Kim nun auf einKommunikationsregelwerk geeinigt und Kim moege nun der folgenden Kommunikation dieses zu Grunde legen.
Kim fuehlt sich von oben herab behandelt. Anstatt einer Hilfe bekommt man von Friedhelm anscheinend nur oberflaechliches und nutzloses rumgemoser zu hoeren. WO ist der erwartete hilfreiche Rat? “Wie um alles in der Welt soll ich bitte erfahren, welchen Wlan Chip ich in meinem Notebook habe?”, koennte Kim sich denken. Er/Sie sieht Friedhelms Mail nicht als Vereinbarung einer Kommunikationsstrategie und fuer diese Anfrage waere das vermutlich auch zu anstrengend, sich in ein neues Denkschema einzudenken. Haette man die Vereinbarung des Schemas akzeptiert, so wuerde nun die klar gestellte Frage seitens Kim folgen, wie oder mit welchen Werkzeugen man denn an die gewuenschte Information gelangt.

Von beiden Akteuren geht - neben diesem offensichtlichen aneinander-vorbei-reden - eine hohe Erwartungshaltung aus. Kim erwartet eine Hilfestellung. “Schliesslich kennen sich diese Leute aus und bieten ihre Hilfe an, dann sollen Sie auch ihre selbstgewaehlte Pflicht erfuellen”, koennte sich so jemand wie Kim leicht denken. Friedhelm erwartet, dass jedem sofort seine Kommunikationsform logisch und hinnehmbar erscheint und assimiliert wird. 2 gegenlaeufige Strategien, das kann nicht wirklich gut gehen.

Dazu kommt noch - quasi als Sahnehaeubchen - dass viele Menschen es gar nicht gewohnt sind, mit anderen ueber das Internet zu komunizieren. Es fehlt ca 90% der Kommunikation, wenn man die Stimme des Gegenuebers nicht hoert, dessen Minik und dessen Gestik nicht sieht und wahrnimmt (dazu auch dieser etwa 2 Jahre alte schreckliche Artikel auf dieser website: hier). So gut wie alle Missverstaendnisse sind Interpretationsfehler aufgrund unterschiedlicher Charakter. Normalerweise kompensiert unsere Kommunikation dies… bei reinem Text geht das fast ausschliesslich dann, wenn sich die kommunizierenden kennen und zu verstehen wissen. Oft wird Ironie im Verstehen des Empfaengers zu Ernst, Polemik zu Hass und ein lieb gemeinter Witz zu einem festen Seitenhieb. Auch das sollte man beim Schreiben wie beim Lesen nicht ausser Acht lassen.

Allen waere geholfen, wenn all diese Menschen - die fragenden, wie auch die gefragten - weniger Kommunikation persoenlich naehmen, mehrere male versuchten, diese zu verstehen und sich dann Gedanken dazu zu machen, welchen Sinn das ein oder andere denn neben den zuerst gedachten noch haette haben koennen. Das wuerde viele Nerven sparen… denen die helfen wollen und denen, die vielleicht dann spaeter auch einmal anderen einen guten Rat geben koennen, wenn sie erstmal soweit sind.

Vielleicht fragt sich der ein oder andere, was mich ermaechtigt, so pauschal ueber Kommunikation zu urteilen und zu richten… viele Jahre auf diesen Mailinglisten habe ich versucht, solche Situationen zu schlichten und bin nicht selten selbst Ziel von unmissverstaendlich persoenlichen Angriffen geworden. In diesen Situationen habe ich mit viel Zeit genommen, zu verstehen wie es dazu kam, habe natuerlich auch unbelegte Vermutungen angestellt und vage interpretiert. Oft bedurfte es jedoch nur ein bisschen weniger Engstirnigkeit, um beide Seiten nicht miss zu verstehen.

In diesem Sinne wuensche ich euch ein schoenes Wochenende.

Gruss vom Sternensucher.