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Es geschehen dieserzeit noch Wunder…

Tuesday, May 12th, 2009

Sind wir mal lexikalisch kleinkariert, so fehlt dem Wortschatz der deutschen Sprache das Verb “wundern” … weniger in seiner vorhandenen reflexiven Form “sich wundern”, sondern im Sinne, Dinge zu tun, ueber die man sich – dann auch gerne reflexiv – wundern kann. Bein KVB in Koeln hat man dies gemerkt und direkt versucht, Abhilfe zu schaffen. Mit Erfolg.

Lohnt Bahnfahren noch?

Den Kölner Verkehrsbetrieben gelingt naemlich in diesen Tagen eine hoechst wundersame Aktion: Sie kuendigt Mitarbeitern (unseres Unternehmens, nach Angaben der Personalabteilung auch anderen Firmen) ohne langen Vorlauf zum 1.6. die JobTickets. Dies ist Teil eines neuen Tarifmodells für Zeitfahrkarten im Raum des VRS, ueber den sich dieser allerdings relativ bedeckt haelt.

Der Verkehrsverbund Rhein Sieg unterscheidet in seinem JobTicket-Tarifmodell zwischen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern und Unternehmen genau oder mehr als 50 Mitarbeitern. Erstere Unternehmen beziehen das JobTicket guenstig fuer jeden Mitarbeiter, der interessiert ist. Das ist klasse, weil die 2 Bahn-Pendler einer Beispielfirma nicht fuer die 47 anderen Mitarbeiter mitbezahlen muessen.
Firmen mit 50 oder mehr Mitarbeitern muessen das Jobticket grundsaetzlich fuer alle staendig beschaeftigten Mitarbeiter beziehen. Stellt unsere Beispielfirma also einen weiteren Mitarbeiter ein, der – sei es drum – auch mit der Bahn kommt, so muss nach dem VRS Tarifmodell dieses Unternehmen anstatt bislang 2 oder eben nun 3 Tickets auf einmal 50 JobTickets beziehen. Moechte das Unternehmen diese 3 Bahn-Pendler nun nicht zum Ziel ewiger Sticheleien und Gewaltphantasien der Kollegen machen, verpflichtet es nicht alle 50 Mitarbeiter zum Kauf des Tickets – auch wenn das vielleicht ein sinniger Weg waere. Nein – es wird entweder den Betrag fuer die 50 Tickets auf die 3 Mitarbeiter umlegen und diese finanziell ruinieren, oder es wird keine JobTickets mehr zur Verfuegung stellen. So der Status aktuell.

Bisher war es Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern auch moeglich, sich einer Dachgesellschaft anzuschliessen und durch diese nur die benoetigte Zahl Mitarbeiter ein JobTicket zu beziehen, sofern sie nicht mehr als 50 Fahrkarten abnehmen wollten. Durch den Zusammenschluss der Unternehmen zu einer Bezugsgemeinschaft war so ein sehr guenstiger Vertrag mit dem VRS moeglich und die Belastung der Mitarbeiter relativ gering. In meinem Fall sprechen wir da von 40 Euro mtl. Durch die Umstellung auf das oben beschriebene Tarifmodell muss das Unternehmen fuer das ich arbeite sich nun dafuer entscheiden, etwa 50 Mitarbeiter “auf die Strasse zu setzen”, denn die Schiene ist kein gangbarer Weg mehr. Diese Personen muessten fuer die etwa 200 Mitarbeiter zahlen – ein verpflichtender Bezug des Jobtickets ist nicht vorgesehen. Der Preisvorteil gegenueber einer herkoemmichen gleichwertigen Zeitfahrkarte entfaellt – und diese ist mit knapp 205 Euro mtl. im Einzelkauf und etwa 176 Euro mtl. im Jahres-Abo schon teuer genug. Fuer die Strecke von 11km, die ich in Zukunft morgens zwischen Troisdorf und Köln zur Arbeit zuruecklege entfallen auf ein Monatsabo etwa 90 Euro mtl. in beiden Fällen, einzeln etwas mehr, im Abo etwas weniger. Dies steht in keinem Verhältnis zur erhaltenen Leistung, insbesondere wenn man bedenkt, dass man nichteinmal bis Leverkusen oder Bonn fahren kann – zumindest letzteres liegt von Troisdorf nicht weiter weg als Köln. Zeitfahrkarten fuer den gesamten Bereich des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr, der fast das gesamte Ruhrgebiet abdeckt, kosten im Vergleich knapp 120 Euro im Monat.

Dies ist allerdings ein Problem, was mehrere Verkehrtsunternehmen mit viel Hinterland und wenig Stadtinfrastruktur trifft. In der Verkehrsgemeinschaft Niederrhein herrscht eine ganz aehnliche Situation.  Wenig frequentierte Strecken sollen durch die Berufspendler auf den Hauptstrecken finanziert werden. Doch was, wenn diese insbesondere auf kuerzeren Strecken wieder das Auto fuer sich entdecken? Bei einem Monatspreis von 176 Euro denkt der ein oder andere mit Sicherheit ueber einen kleinen Zweitwagen – oder viel schlimmer – ueber die Anschaffung eines Erstfahrzeuges nach. Die Vorteile klingen dann wieder in den Ohren: Flexibilitaet, Eigenständigkeit und die Unabhaengigkeit vom Geltungsraum. Die Entscheidungszeit von etwa 3 Wochen, die uns der VRS wenigstens zugesteht, macht die Entscheidung noch leichter, zudem müssen Monatsabonements bis zum 10. des Monats vor dem ersten Gültigkeitsmonats abgeschlossen sein, moechte man nicht mit ueber 30 Euro in Vorleistung gehen.
Folgen diesem Gedanken ausser mir noch weitere Kollegen, so setzt sich der Preistrend der Verkehrsbetriebe fort… noch weniger Pendler tragen die immer hoeheren Kosten. Noch weniger Strecken werden befahren. Noch weniger Flexibilitaet, Eigenständigkeit und Geltungsraum fuer die Oeffentlichen Verkehrsmittel.

Das wissend habe ich mich dennoch fuer ein eigenes Auto entschieden, nachdem ich den Preis fuer die Monatskarte und die Kosten fuer Fahrten ausserhalb des VRS – also zu meinen Freunden – aufgerechnet habe. Schade lieber VRS. Die optimale Bahn-Verkehrslage meiner neuen Wohnung (von der ich hier absichtlich noch nichts erzaehlt habe), das JobTicket, die entstehenden Kosten… das alles war mit ein Grund, in dieses Gebiet zu ziehen. Ich werde die morgentlichen mueden Gesichter vermissen, die Gespraeche, die man ab und zu gefuehrt hat…

Es bleibt also nur zu hoffen, dass sich dieser Trend trotz allem nicht fortsetzt, damit nicht in 5 Jahren schon die dann privatisierten Bahnstrecken leer und nur noch alle 4 Stunden fahren.

Soviel dann zum Thema “Pendler auf die Schiene bringen” – wir werden uns noch alle wundern.

Gruss vom Sternensucher.